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Stadtplanung : Rollatorfahrer fordern ihre Rechte ein

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Runder Tisch demonstriert für ein rollatorfreundliches Neumünster / Betroffene wünschen sich breitere Verkehrsinseln und längere Grünzeiten

von
erstellt am 09.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Neumünster | Es sah  ein bisschen aus wie der fröhliche Ausflug eines Seniorenheims, aber wer genauer hinschaute, erkannte auf den zweiten Blick den ernsten Hintergrund: Mit  bunten Luftballons und Transparenten am Lenker zogen gestern Vormittag rund 30  überwiegend nicht mehr ganz so junge  Rollatorfahrer über den Großflecken zum Rathaus, um für ihre Rechte im Verkehr und eine rollatorfreundliche Stadt zu demonstrieren.

Organisiert  wurde der fröhliche Zug  mit ernsten Bezug vom Runden Tisch  „Eine Stadt rund um den Rollator“ , der  sich seit einem halben Jahr intensiv darum bemüht, die Mobilität  von älteren oder gebrechlichen Menschen zu verbessern. Hinter dem Bemühen steckt die schlichte Erkenntnis, dass der Rollator zu einem der wichtigsten Hilfsmittel einer alternden Gesellschaft geworden ist. Wer auch  als Senior möglichst mobil bleiben möchte, tut  gut daran, die Scheu vor dem Gerät frühzeitig abzulegen.  Die Aktionsgemeinschaft bietet daher laufend Kurse an, hilft derzeit einen Übungsparcours  und eine Rollator-Werkstatt aufzubauen und Vorbehalte abzubauen. Vor allem viele ältere Männer genieren sich noch immer, die Gehhilfe zu benutzen – und schränken damit ihren eigenen Bewegungsspielraum empfindlich ein.  Auf der anderen Seite bemüht sich der Runde Tisch, ein möglichst rollatorfreundliches Umfeld  zu schaffen  und bei Architekten und Stadtplanern den Blick  zu schärfen. 

Und da gibt es auch in Neumünster noch einiges zu verbessern, wie die Fachschule für Motopädagogik –  neben Seniorenbüro und Kreissportverband treibende Kraft am Runden Tisch  – in einer Umfrage unter 128 Rollatorfahrern herausgefunden hat.  Ganz oben auf der Wunschliste der Betroffenen stehen ebenes Pflaster und mehr Bordsteinabsenkungen. Aber auch  längere Ampelphasen, breitere Verkehrsinseln (auf denen  sich Rollatorfahrer begegnen können), breitere Parknischen, leichtgängige Eingangstüren und rollatorgerechte Aufzüge sind den Betroffenen besonders wichtig.

Einen  ganz speziellen Baumangel hat Irene Ahlborn (62) am Busbahnhof erkannt. Weil  die  Bahnsteigkante in einigen Bereichen im Bogen verläuft, kann der Bus dort nicht  weit genug  heranfahren. „Ich muss den Rollator erst vom Bürgersteig auf die Straße hinunter  und von dort dann wieder hinauf in den Bus heben“,  ärgert sich die Neumünsteranerin über eine  Bausünde. Es gebe noch jede Menge zu verbessern, um den öffentlichen Raum rollstuhl- und rollatorgerechter zu machen, meint  Irene Ahlborn.

Cornelia Schlick, Leiterin der Fachschule für Motopädagogik, überreichte   Stadtpräsidentin  Anna-Katharina Schättiger im Rathausfoyer einen  Katalog  mit den wichtigsten  Kritikpunkten der Rollatorlobby. Als symbolischen Ansporn gab es dazu einen gelben Rollatorreifen. „Der rote  wäre zu hart gewesen“, räumte Cornelia Schlick ein. Den grünen bekomme die Stadt, wenn  sie auf dem Weg zur rollatorfreundlichen Stadt eine gutes Stück vorangekommen sei, versprach  Cornelia Schlick unter dem anspornenden Beifall  der Demonstranten.

 

STANDPUNKT

von Jens Bluhm

Passanten, die den kleinen munteren  Demonstrationszug über den Großflecken gestern nur lustig fanden, sollten sich nicht täuschen  – da kämpft jemand auch für unsere Zukunft! Denn  wir werden alle älter und werden dann wahrscheinlich froh sein, wenn wir  eine möglichst stolperfallenfreie Stadt haben, in der wir uns auch als Oldie noch gut bewegen können – gegebenenfalls auch mit Rollator. Okay, die Forderungen nach ebenem Pflaster, abgesenkten Bordsteinen und  breiten Übergängen über die Fahrbahnen sind nicht unbedingt neu, kommen  aber dennoch zur rechten Zeit. Denken die Architekten nicht gerade über den optimalen Großflecken nach?  – Bitte, hier sind wichtige Anstöße!

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