TEV an der Bismarckstrasse : Riesenärger um Bodengutachten

Die Harmonie trügt: Kraftwerksleiter Reenhard Gerdes (von rechts) und TEV-Beirat Gerhard Gloe-Carstensen fauchten sich gestern zeitweise in der Pressekonferenz gereizt an. Beiratsmitglied Helga Bühse hielt sich aus dem Streit heraus.
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Die Harmonie trügt: Kraftwerksleiter Reenhard Gerdes (von rechts) und TEV-Beirat Gerhard Gloe-Carstensen fauchten sich gestern zeitweise in der Pressekonferenz gereizt an. Beiratsmitglied Helga Bühse hielt sich aus dem Streit heraus.

Beiratsmitglied Gerhard Gloe-Carstensen wirft den Stadtwerken fragwürdige Messwerte vor / Schadstoffe sind alle im grünen Bereich

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30. März 2017, 08:00 Uhr

Neumünster | Der Streit drohte gestern zeitweise zu eskalieren: Bei der Pressekonferenz über die Jahresemissionsdaten 2016 der Thermischen Ersatzbrennstoff-Verwertungsanlage (TEV) warf TEV-Beiratsmitglied Gerhard Gloe-Carstensen den Stadtwerken vor, Messwerte manipulieren zu können, um Grenzwerte für die Kontrollen einzuhalten. Kraftwerksleiter Reenhard Gerdes hielt Gloe-Carstensen, der früher das Kraftwerk leitete, Verleumdung vor.

Auslöser für die Unruhe ist das Bodengutachten des Vereins „Umweltfreundliches Neumünster“ (UN). Dieses hatte im Vergleich zu einem Gutachten von vor zehn Jahren deutlich erhöhte Werte von krebserregenden polyzyklischen aromatischen Kolenwasserstoffen (PAK) im Boden am Heidackerskamp, am Brüningsweg und an der Wilhelm-Dorn-Straße ergeben. Alle drei Straßen liegen in der Hauptwindrichtung hinter der TEV (der Courier berichtete). An der Kieler Straße und an der Roonstraße gab es hingegen laut Verein keinen Anstieg der Werte. Der UN-Vereinsvorsitzende Gerhart Walter erklärte gestern auf Nachfrage, er habe sogar gesicherte Erkenntnisse, dass die Stadtwerke die Werte vor Messungen manipulieren. „Wenn das nicht so ist wie gewünscht, wird eben weniger Müll und dafür mehr Kohle verbrannt.“

Reenhard Gerdes und SWN-Sprecher Nikolaus Schmidt wiesen die Vorwürfe entschieden zurück. „Wenn nichts oben rauskommt, kann auch nichts unten ankommen“, sagte Schmidt. Die TEV werde mit einer Betriebstemperatur von mindestens 850 Grad Celsius und mehr betrieben. Bei derart hohen Temperaturen würden alle PAK zerstört. Die Verbrennungstemperatur werde ständig überwacht. Bei Unterschreitung erfolge eine automatische Sicherheitsabschaltung. Zudem sei noch nie Benzoapyren als Indikatorparameter für PAK an der TEV nachgewiesen worden. Viel wahrscheinlicher sei die Zunahme des gesundheitsschädlichen Stoffes im Boden durch den angestiegenen Schwerlastverkehr oder Kleinfeuerungsanlagen wie Kaminöfen. Das hätten auch wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Gerdes rechnete vor, dass die TEV 33 333 Mal weniger Feinstaub ausstoße als ein Hauskamin mit dem derzeit zulässigen Höchstwert. Gloe-Carstensen gab sich damit aber nicht zufrieden: „Wir kämpfen im Sinne der Bürger und werden weitere Schritte einleiten.“

Die TEV lieferte 2016 in 7798 Betriebsstunden rund 84 Millionen Kilowattstunden Strom und rund 301 Millionen Kilowattstunden Wärme. Das entspricht dem jährlichen Durchschnittsverbrauch von 19  000 Haushalten in der Stadt. Die Werte liegen allesamt etwas unter denen von 2015. Als Grund gab Reenhard Gerdes eine längere Abschaltung im Juni wegen einer Revision an. Verwinkelt sitzende Verschleißteile aus dem sogenannten „Economizer“ zur Speisewassererwärmung mussten erneuert werden. Auch in diesem Jahr könnten die Wartungsarbeiten etwas länger dauern, da wiederum Teile ausgetauscht werden müssen, kündigte er an.

Verbrannt wurden knapp 186 000 Tonnen aufbereiteter Stoff aus Abfällen aus der Mechanisch-Biologischen Abfallverwertungsanlage in Wittorferfeld. Der Brennstoffnutzungsgrad lag bei über 70 Prozent. Die Emissionswerte lagen nach Angaben der SWN im vergangenen Jahr deutlich unter den gesetzlichen und den mit der Bürgerinitiative vereinbarten Grenzwerten. Feinstaub und Schwermetalle der Gruppe A seien kaum mehr messbar gewesen.

Für Gerhard Gloe-Carstensen steht fest, dass die Stadtwerke ihr Versprechen für sauberen Brennstoff gebrochen haben. „Sie haben ein Kraftwerk im Trinkwassereinzugsgebiet gebaut, das die Menschen in der Region gefährdet“, hielt er gestern den Stadtwerken vor.

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