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Spurensuche : Richard Blunck – ein großer Geist

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Neumünsteraner Literat und Biograf ist fast in Vergessenheit geraten. Heute vor 120 Jahren wurde er in Neumünster geboren

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erstellt am 19.Feb.2015 | 15:00 Uhr

Neumünster | Es gehörte schon Zivilcourage dazu, im Jahr 1936, als in Deutschland die nationalsozialistische Ideologie alle geistigen Strömungen bekämpfte, eine Biografie über Thomas Paine zu veröffentlichen. Denn Paine (1736 -1809) war in seinem Denken und Handeln ein Mann der Freiheit und der Menschenrechte. Richard Blunck aus Neumünster schrieb diese Biografie. Als Schriftsteller, Publizist und Biograf machte er sich einen Namen weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus. Am 19. Februar 1895, heute vor 120 Jahren, wurde er als Sohn des Zigarrenmachers und -händlers Johann Friedrich Blunck geboren.

Das elterliche Geschäft befand sich in der Altonaer Straße 9. Blunck ging auf die Holstenschule und machte sein Abitur. Ein Mitschüler, Dr. Hans Möller, erinnerte sich später, dass er bald der Klassenprimus gewesen war und ein reges Interesse an moderner Literatur hatte. In Kiel, Leipzig und München studierte Blunck dann Philosophie, Philologie, Kunst- und Literaturgeschichte und fand danach eine Anstellung als Assistent für Literaturgeschichte und Theaterwissenschaften an der Uni Kiel.

In dieser Zeit knüpfte Blunck vielfältige Kontakte, nicht nur zur expressionistischen Kunstszene in Kiel. Folgerichtig gab er von 1917 bis 1919 die expressionistische Zeitschrift „Die schöne Realität“ heraus. Es war die erste dieser Art in der Region. In den expressionistischen Künstlergruppen, die in den 20er-Jahren auch in Kiel eine große Zeit hatten, herrschte die Vorstellung, mit der Sprache ihrer Kunst eine „menschenbrüderliche Gemeinschaft“ zu schaffen.

Blunck agierte in diesen Jahren als Geschäftsführer des Kieler Kunsthauses „Tom Kyle“. Er gründete mit dem Literaten Gerhard Ausleger (1891 - 1969) und anderen im April 1919 die „Expressionistische Arbeitgemeinschaft Kiel“ mit diesem Ziel: „eine neue Bewegung in den Künsten gegen kunstfremden Ungeist“ zu schaffen. Im Nachlass von Blunck finden sich aus dieser Zeit Entwürfe für Vorträge und für Zeitungsbeiträge – für die eigene Arbeitsgemeinschaft und für linke Blätter wie „Rote Fahne“, „Spartacus“ sowie die Satirezeitschrift „Simplicissimus“. In diesen Arbeiten ist der expressionistische Grundgedanke von der Rolle der Kunst als Geburtshelfer eines „brüderlichen Gemeinwesens“ immer wieder zu finden. Blunck greift dabei auch auf den Philosophen Friedrich Nietzsche zurück, besonders auf dessen Überlegungen vom „neuen Menschen“. Auf Nietzsche wird er in seinem weiteren Leben immer wieder zurückkommen.

Ab 1926 lebte Blunck als freier Autor in Berlin. Über seinen Freund Peter Drömmer kam er 1927 als Mitarbeiter für Konzernpropaganda zu den Junkers-Werken in Dessau. Etwa ab 1929 schrieb er dort an einer Biografie über den Firmengründer und Luftfahrtpionier Hugo Junkers. Nach Enteignung der Werke durch die Nazis im Jahre 1933 arbeitete der Neumünsteraner weiter für Junkers. Geistige Gemeinsamkeiten mit dem Unternehmer, der Förderer und Befürworter des Dessauer Bauhausstils war, gibt es in der expressionistischen Denk- und Bauhaltung der Bauhäusler.

Nach dem Krieg, den er als „Landesschütze“ und in russischer Gefangenschaft erlebte, kehrte Blunck 1946 nach Neumünster zurück. Sein Elternhaus an der Altonaer Straße hatte der Bombenterror verschont und damit auch seine umfängliche Bibliothek. Bis zu seinem Tode lebte er dort. Arbeit fand er als Lektor im Hamburger Keune-Verlag. Ebenso war er als Literaturkritiker für das „Hamburger Abendblatt“ und als Hörfunkautor und Sprecher beim Radiosender NWDR tätig. Beiträge aus seinem Nachlass zeigen ein breites journalistisches Betätigungsfeld in Sendungen wie „Kulturelles Wort“ oder „Lebendiges Wissen“. Seine Beiträge reichen von Themen über Caspar Hauser (Erbprinzentheorie) bis zum Nachruf auf den Verleger Ernst Rowohlt.

Der Neumünsteraner Blunck agierte immer aus einem humanistischen Gedankengut und einem demokratischen Grundverständnis heraus. Sein Schaffen war vielseitig, aber die Biografie war seine bevorzugte Ausdrucksform. Neben der Paine-Biografie (Thomas Paine - ein Leben für Amerika, Holle & Co-Verlag Berlin, 1936) und der von Hugo Junkers schrieb Blunck über den Begründer des Jesuiten-Ordens, Ignatius von Loyola, und über den Chemiker Justus von Liebig.

Zwei Veröffentlichungen verdienen eine besondere Betrachtung. 1953 erschien von Blunck „Friedrich Nietzsche. Kindheit und Jugend“ als erster Band einer gedachten dreiteiligen Ausgabe, zu der es aber nicht kam. Nach seinem Tod übernahm der Schweizer Musikwissenschaftler Curt Paul Janz das Nietzsche-Material von Blunck, das der gesammelt hatte. Es waren 34 handschriftliche Hefte zu je 144 Seiten. In einem Vortrag vor dem Philosophischen Kollegium der TH Darmstadt sagte Janz 1964 zu diesem Band: „Blunck hat eine ungeheure Arbeit vorgelegt, sie löste bei Erscheinen allergrößtes Interesse aus.“ An anderer Stelle vermerkte Janz: „Er wollte immer noch mehr, immer noch neues Quellenmaterial einbeziehen.“

Als „das Dokument einer Generation“ bezeichnete der Religionsphilosoph und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Martin Buber, die Blunck-Schrift „Die beiden Stimmen, eine Begegnung in Briefen.“ Die Texte schrieb Blunck 1920 nach Gesprächen mit seinem Neumünsteraner Studienkollegen Walter Breuel und dessen Feldpost aus dem 1. Weltkrieg. Sie diskutierten über den Sinn des Lebens. Breuel fiel 1918. Doch erst nach dem Zweiten Krieg veröffentlichte Blunck die Schrift. „Es ist wohl Bluncks persönlichstes Werk“, schrieb Reinhold Möller im Holsteinischen Courier am 16. Februar 1985 in Erinnerung an seinen Vater Dr. Hans Möller, Bluncks Schulfreund. Über die Gespräche, die Blunck in den 50er-Jahren in Neumünster, auf Anregung des früheren Leiters des Kulturamtes, Hans Heinrich Voss, und mit anderen führte, ist so gut wie nichts bekannt oder aufgeschrieben.

Richard Blunck starb am 18. September 1962 in dem Haus an der Altonaer Straße, ohne eine Familie zu hinterlassen. Das Haus wurde 1973 abgerissen. Auf seinem Grabstein stand der von ihm gewählte Spruch: Meta vita in morte sum: Media morte in vita ero (etwa: Mitten im Leben bin ich des Todes. Mitten im Tod werde ich am Leben sein). Das Grab wurde 2003 eingeebnet. Im Grundbuch der Stadt steht zur ehemaligen Bebauung Altonaer Straße 9 lediglich „Bluncks Erben“, aber keine näheren Angaben. 1982 kam ein „Blunck Nachlass“ bei „mäßigem Interesse“ in Kiel zur Versteigerung. Die Landesbibliothek kaufte ihn auf.

Leider ist dieser humanistische, unabhängige literarische Geist aus Neumünster in seiner Heimatstadt kaum bekannt. Die Vielfalt seiner Werke sowie sein humanistisches Gedankengut sind aber zu wertvoll, um es einfach zu vergessen. Erst recht nicht in einer Stadt, die sich in ihrer Tradition eher als Industrie- und Garnisonsstadt definierte. Auch wenn er nicht unmittelbar in Neumünster wirkte, sollte er stärker in den historischen Fokus der Stadt rücken.

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