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Gerichtsbericht : Rezepte waren alle gefälscht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ein Mann ergaunerte sich verschreibungspflichtige Medikamente.

Neumünster | Der Leidensdruck muss enorm gewesen sein – und zwar so groß, dass sich der Mann (51) das erste Mal in einem Leben entschloss, eine Straftat zu begehen.

Schon seit Jahrzehnten litt der Neumünsteraner, der gestern als Angeklagter vor Gericht stand, an schweren Depressionen. Im November vergangenen Jahres hielt er sein Leiden einfach nicht mehr aus. „Ich brauchte das Beruhigungsmittel. Ich nehme es schon seit 15 Jahren. Doch mein Arzt wollte es mir nicht in der Menge geben. Mein Antidepressivum wurden gerade umgestellt. Mir ging es sehr, sehr schlecht. Denn das dauert ja immer ein paar Woche, bis ein neues Medikament wirkt“, erklärte der Mann leise vor Gericht. In seiner Not bestellte sich der seit Langem arbeitsunfähige Großhandelskaufmann kurzerhand im Internet einen Rezeptblock sowie einen Stempel mit der Adresse des tatsächlich existierenden Klinikums Stephansplatz in Hamburg. Er erfand den Patienten „Jens Nowak“ und unterschrieb selbst mit dem fiktiven Namen „Dr. Lemke“. „Es waren immer Privatrezepte, ich habe alles bezahlt und niemandem geschadet“, so der Angeklagte.

Die Sache ging bei verschiedenen Apotheken in Neumünster drei Mal gut. Am 8. Januar 2016 – es war der vierte Versuch, das verschreibungspflichtige Präparat illegal zu bekommen – wurde eine Apothekerin stutzig. Der Angeklagte hatte als Dosis „nach Bedarf“ eingetragen. „Doch das ist ungewöhnlich und wird in der Regel vom Arzt genau festgelegt“, erklärte die Staatsanwältin. Die Apothekerin rief deshalb die Polizei.

Vor Gericht gab der Angeklagte die Vorwürfe sofort zu. Das wurde ihm vom Gericht ebenso wie sein bisheriges straffreies Leben zugute gehalten. Außerdem berücksichtigte der Richter die akute Notsituation des Mannes.

Mittlerweile kommt der Neumünsteraner mit seinen neuen Medikamenten klar. „Jetzt reicht die Dosis“, erklärte er. Arbeitsfähig ist er wegen seiner schweren Erkrankung jedoch nicht. Deshalb kam gemeinnützige Arbeit als Sanktion nicht in Frage. Stattdessen wurde der Mann wegen Urkundenfälschung in vier Fällen verwarnt. Gleichzeitig behielt sich das Gericht eine Zahlung von 750 Euro vor. Die muss der 51-Jährige zahlen, falls er sich in den nächsten zwei Jahren etwas zu Schulden kommen lässt. „Sie hätten die Möglichkeit gehabt, mit Ihrem Arzt zu sprechen oder in eine Klinik zu gehen“, so der Richter. Der Angeklagte nahm das Urteil sofort an.

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erstellt am 14.Jun.2016 | 10:15 Uhr

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