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Gericht : Rentner meinte, eine Bodenwelle zu überfahren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

75-Jähriger wurde wegen fahrlässiger Tötung einer 87-Jährigen verurteilt.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Rendsburg | Fahrlässige Tötung lautete die Anklage der Staatsanwaltschaft. Im Amtsgericht Rendsburg saß gestern ein Rentner aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde auf der Anklagebank, weil er am 14. März einen tragischen Unfall in Wattenbek verursacht hatte. Gegen 13.30 Uhr fuhr der 75-jährige Witwer mit seinem Pkw rückwärts von einem Parkplatz und übersah dabei eine 87-Jährige, die sich mit ihrem Rollator auf dem Gehweg befand. Der Rentner erfasste die Heimbewohnerin mit dem Heck seines Wagens. Die Frau geriet unter das Fahrzeug und erlitt so schwere Verletzungen, dass sie am Unfallort verstarb (der Courier berichtete).

Zu Beginn schilderte der Angeklagte den Tathergang aus seiner Sicht. Danach habe ihm eine hohe Hecke die Sicht versperrt, sodass er weit zurückfahren musste, um die Straße einsehen zu können. Dass er weder den Zusammenprall mit der alten Frau wahrgenommen, noch bemerkt hatte, dass er sie überrollt hatte, erklärte er mit den vielen Schlaglöchern auf dem Parkplatz. „Wieso haben Sie die Frau nicht gesehen?“ wollte die Richterin wissen. Mit hartnäckigen Fragen und anhand von Beweisfotos versuchte sie, den Unfall nachzuvollziehen. „Vielleicht war sie gerade im toten Winkel“, mutmaßte der 75-Jährige leise. Seine Erklärungen konnten von der Richterin nicht ganz nachvollzogen werden. „Zu meinen, über eine zu Bodenwelle fahren, wie Sie es angegeben haben, oder über einen Körper mitsamt Rollator zu rollen, zeugt von verminderter Wahrnehmung“, warf der Staatsanwalt ein. „Haben Sie schon mal daran gedacht, ihre Fahrerlaubnis abzugeben?“, fragte er den Rentner. „Nein!“ war die prompte Antwort. „Ich fühle mich noch fit. Ich wohne etwas außerhalb. Ich brauche meinen Wagen. Ich habe meinen Führerschein vor 52 Jahren gemacht und mir bis jetzt nie etwas zu Schulden kommen lassen. Und nun habe ich einmal das Pech, dass mir die Dame vors Auto fällt und soll deshalb meine Fahrerlaubnis zurückgeben?“ fragte er.

Die Aussage des Rentners hätte beinahe zu einer Aussetzung des Verfahrens geführt, denn wäre er bei seiner Ausführung geblieben, hätten zwei Sachverständige von der Dekra und der Rechtsmedizin die Sache noch einmal untersuchen müssen. Doch der Verteidiger bat um eine Pause, die Richterin genehmigte sie. Äußerlich teilnahmslos, spürte man die innere Anspannung des 75-Jährigen bis in die letzte Reihe des Sitzungssaales. „Mein Vater leidet. Er kann sich den Unfall bis heute nicht erklären“, berichtete die Tochter in der Verhandlungspause. Das stelle sie nicht in Frage, meinte die Vorsitzende.

Nach 20-minütiger Besprechung mit seinem Mandaten erklärte der Verteidiger, dass man das Verfahren nicht in die Länge ziehen wolle, von einem Schuldspruch ausgehe und mit einem zeitlich begrenzten Entzug der Fahrerlaubnis einverstanden sei.

Die Richterin folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängte drei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung von zwei Jahren und einen sofortigen Entzug der Fahrerlaubnis für die nächsten 6 Monate. In einem halben Jahr will der Rentner einen Antrag auf erneute Fahrerlaubnis stellen.


 

 

 

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