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Todesschütze vor Gericht : Rentner (81) erschießt Räuber: Bewährung

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Landgericht Stade hat den Todesschützen von Sittensen verurteilt. Im Dezember 2010 hatte der Rentner auf einen Neumünsteraner (16) gefeuert. Der Jugendliche hatte den Mann zuvor gemeinsam mit Komplizen überfallen.

Neumünster | Der Rentner (81) ist schuldig. Wegen Totschlags in einem minderschweren Fall verurteilte das Landgericht Stade (Niedersachsen) gestern den Mann, der im Dezember 2010 in Sittensen bei Hamburg den jungen Neumünsteraner Labinot S. (16) erschoss. Der betagte Angeklagte Ernst B. erhielt eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten Freispruch gefordert. Die Familie des Getöteten hatte lange um das Verfahren gekämpft.

Der Jugendliche albanischer Herkunft war am 13. Dezember 2010 mit vier Komplizen von seinem Wohnort Neumünster zur Villa des alten Mannes gefahren (der Courier berichtete). Neben Labinot, dem Jüngsten, waren ein kurdischstämmiger Iraker (damals 23) aus Neumünster, ein Kongolese (22) aus Flensburg und zwei Deutsche (22 und 24) ausländischer Herkunft aus Neumünster mit im Auto. Der Plan der Gruppe: Sie wollten den wohlhabenden Rentner überfallen. Der Tipp soll von einer Neumünsteraner Prostituierten gekommen sein.

Als Ernst B., der als Jäger auch Schusswaffen besitzt, in der kalten Winternacht gegen 21.55 Uhr zu seinem Hundezwinger gehen wollte, wurde er plötzlich von den fünf teilweise maskierten Tätern ins Haus gedrängt. Sie forderten Geld und nahmen ihrem Opfer zunächst das Portemonnaie ab. Danach durchsuchten sie das Anwesen, fanden im Obergeschoss einen Tresor. Beim Versuch, den massiven Schrank zu öffnen, lösten sie Alarm aus und flüchteten auf das weitläufige Grundstück. Labinot rannte offenbar gerade über die Terrasse, als der Rentner mit einer Pistole hinter der Gruppe her schoss. Er traf den 16-Jährigen. Der Junge brach zusammen und starb an seinen schweren Verletzungen. Seine Komplizen rasten mit ihrem Auto davon, stellten sich später aber der Polizei. Im Juli 2011 wurden sie wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb Jahren sowie vier Jahren und drei Monaten verurteilt.

In demselben Jahr stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Rentner zunächst ein. Die Juristen gingen damals von Notwehr aus. Dagegen legten die Angehörigen des Getöteten Beschwerde ein. Daraufhin wurden erneut Zeugen vernommen und Spuren ausgewertet. Das veränderte die Einschätzung der Ermittler. Eine Notwehrsituation sei „objektiv und subjektiv fraglich“, hieß es jetzt. Es wurde Anklage erhoben. Das Landgericht Stade lehnte allerdings die Eröffnung einer Hauptverhandlung ab. Labinots Familie legte erneut Widerspruch ein. Das Oberlandesgericht in Celle entschied schließlich, dass verhandelt werden muss.

„Der Rentner gab die Schüsse aus Angst um sein Leben bewusst ab, überschritt dabei aber die Grenzen der Notwehr“, hieß es gestern in der Urteilsbegründung. „Ein gezielter Schuss auf Arme oder Beine wäre ausreichend gewesen und hätte den Angreifer gestoppt“, sagte Richter Berend Appelkamp. So habe der Rentner auf einen ohnehin fliehenden Menschen geschossen. Als Jäger hätte er wissen müssen, dass er nicht auf den Oberkörper zielen dürfe.

Kommentar: Juristische Aufarbeitung ist wichtig

Die Haltung der Eltern ist verständlich.  Natürlich können sie den gewaltsamen Tod ihres Kindes nicht hinnehmen, auch wenn  ihr Sohn in der verhängnisvollen Nacht nicht als Unschuldiger auf den Todesschützen traf. Somit ist es umso wichtiger, dass auch der Rentner jetzt noch juristisch zur Verantwortung gezogen wurde.  Es bleibt zu hoffen, dass das Urteil den Angehörigen ein wenig hilft, endlich zur  Ruhe zu kommen.


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erstellt am 28.Okt.2014 | 05:00 Uhr

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