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Ultranationalistische Vereine : Recep Tayyip Erdogan spaltet Neumünsters Türken-Szene

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Stadt vermietet ihre Veranstaltungsräume auch an ultranationalistische Vereine und sieht keine Chance, das zu verhindern.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2017 | 06:50 Uhr

Neumünster | Das Referendum über eine Verfassungsänderung in der Türkei bewegt – und spaltet – auch in Neumünster die Menschen. Henning Möbius, der Vorsitzende des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie, sorgt sich über Zuspitzungen in der Auseinandersetzung zwischen gut integrierten türkischstämmigen Neumünsteranern, Aleviten und Kurden sowie nationalistisch gesonnenen Türken.

Recep Tayyip Erdogan will in der Türkei ein Präsidialsystem errichten - und damit seine Macht auszubauen. Er lässt Oppositionelle und Journalisten einsperren - zuletzt mit dem „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel auch einen Deutschen.

Nach Übergriffen von Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan auf Ibrahim Ortacer, den stellvertretenden Vorstand der Ditib-Moschee und Vorsitzenden des Forums der Vielfalt, ermittelt das Landeskriminalamt. Und in der Erstaufnahmeeinrichtung in der ehemaligen Boostedter Rantzau-Kaserne sollen zwei Mitarbeiter Flüchtlinge ausspioniert haben. Sie sollen Pässe und Aufenthaltstitel fotografiert und die Daten der angeblichen Erdogan-Gegner in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben. Auch hier ermittelt die Polizei.

Die Drohungen gegen Ortacer zeigen Wirkung. Er werde auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 5. März nicht erneut für den Moschee-Vorstand kandidieren, bestätigte Ortacer dem sh:z auf Nachfrage.

Nicht nur in Oberhausen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Yildirim, sondern auch in Neumünster gab es schon Jubelveranstaltungen der Erdogan-Anhänger. Am 10. Dezember hatte die „Türkisch-kulturelle Union“ die Stadthalle gemietet, am 17. Dezember der religiös-ultranationalistische Verein Dergah Alperen das Bildungszentrum Vicelinviertel. „Der Runde Tisch will bei der Stadt nachfragen, ob es nicht die Möglichkeit gibt, so etwas in Zukunft zu vermeiden“, sagte Möbius.

„Das wird schwierig“, antwortete Stadtrat Carsten Hillgruber. Die Vergaberegeln bei der Überlassung öffentlicher Gebäude für Veranstaltungen „gelten für alle gleich. Da kann man nicht jemanden ausschließen, der einem nicht gefällt“, sagte Hillgruber. „So lange ein Verein nicht verboten ist, kann die Stadt nichts machen“, sagte er shz.de.

Henning Möbius: „Unser Hauptaugenmerk als Runder Tisch ist es, eine vernünftige Basis zu schaffen für das Zusammenleben der hier wohnenden Menschen, ob nun Türken, Kurden, Deutsche.“ Dass es unterschiedliche politische Auffassungen und Neigungen gebe, müsse man zur Kenntnis nehmen. Möbius: „Aber sie dürfen nicht gewaltsam ausgetragen werden.“

So sieht es auch die CDU-Ratsfrau Sabine Krebs, die auch Mitglied des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie ist. „Ich habe die große Sorge, dass innertürkische Konflikte in die Stadt geraten und hier auf der Straße ausgetragen werden wie bei der Kurdendemonstration im Januar 2016“, sagte sie.

Tufan Kiroglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Neumünster, bekennt sich dazu, ein Gegner der Verfassungsänderung in der Türkei zu sein. „Laizismus, Gewaltenteilung, die von Atatürk begründete Demokratie in der Türkei hat bis jetzt funktioniert. Das soll nun geändert werden“, sagt Kiroglu. Natürlich werde von der türkischen Regierungspartei AKP versucht, Werbung für die Verfassungsänderung zu machen. Auch dazu hat Kiroglu eine klare Meinung: „Die Menschen mit Wahlrecht in der Türkei können mit Ja oder Nein stimmen. Das ist ihre Entscheidung. Aber den Konflikt hier in Neumünster auszutragen, das finde ich nicht gut. Wir leben hier, unsere Kinder und Enkelkinder sind hier aufgewachsen, das ist auch unser Land.“

Diesen Aspekt soll eine Fotoausstellung im Museum Tuch + Technik unterstreichen. Unter dem Titel „Muslime in Deutschland“ wird vom 3. März bis 25. Juni die Wanderausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gezeigt. Die Eröffnungsrede wird Ihsan Toköz halten, der Imam der Merkezefendi-Moschee.

 
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