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Stadtplanung : Radfahr-Club: Fahrradstadt noch in weiter Ferne

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

ADFC mahnt am Runden Tisch Versprechen der Ratsversammlung an

von
erstellt am 19.Mär.2016 | 08:30 Uhr

Neumünster | Die Ziele waren hoch gesteckt: Neumünster soll Fahrradstadt werden, der Ausbau von Straße und Radweg soll gleichrangig behandelt, die Unfallzahlen mit Radlern sollen drastisch gesenkt werden. Das hatte sich der Rat vor drei Jahren auf die Fahnen geschrieben. Der Fahrradclub ADFC zog jetzt am Runden Tisch eine eher ernüchternde Zwischenbilanz. Von den hehren Zielen für die Fahrradstadt 2020 sei man noch weit entfernt.

Mit der Einschätzung steht die Radfahrlobby nicht allein da: Am Runden Tisch, zu dem der ADFC auch Vertreter der fünf Ratsparteien geladen hatte, übten die Parteien durchaus Selbstkritik. Angesichts vieler anderer Probleme sei man damit vielleicht etwas nachlässig umgegangen, räumte etwa Franka Dannheiser (SPD) ein: „Wir sind aufgefordert, mehr zu tun!“

Aus Sicht von Jonny Griese (Linke) hat sich die Situation für Radfahrer in der Stadt seit dem Ratsbeschluss von 2013 sogar verschlechtert: Abgefahrene Wegmarkierungen würden nicht erneuert, die Radfahrt über Großflecken und Kuhberg gleiche einem „gefährlichen Überlebenstrainung“, und selbst bei vielen Neubauten würden die Radler vergessen, zählte Griese auf. Jüngstes Beispiel ist für ihn die Straße Am Teich. Unverständlich, warum sich vor der Fassade der Holsten-Galerie kein Platz für einen Radweg oder Radstreifen gefunden habe, kritisierte der Ratsherr.

Lediglich Karl-Heinz Ingwersen (Grüne) mochte die Stadt in Schutz nehmen. Die Abstellmöglichkeiten für Radler am Bahnhof hätten sich seit dem Umbau deutlich verbessert, auch die Verkehrsführung auf der erneuerten Wasbeker Straße sei „vielleicht noch nicht optimal“, belege aber, „dass an die Radler gedacht worden ist“, sagte Ingwersen. Till Faerber (FDP) schlug vor, die Radler bei allen Planungen künftig stärker mit einzubeziehen. Helga Bühse (CDU) erinnerte daran, dass die Stadt am Bahnhof neben der Post jetzt immerhin eine provisorische Fahrradstation einrichten wolle. Eine große Lösung sei hier vermutlich erst möglich, wenn der Durchbruch im Bahnhof zur Friedrichstraße irgendwann Realität werde.

Kurt Feldmann-Jäger, stellvertretender Vorsitzender des ADFC, erinnerte daran, dass die Radfahrer in Neumünster durchaus selbstbewusst ihre Rechte einfordern könnten: Nach einer Erhebung der TU Dresden legen im Schnitt immerhin 16 Prozent aller Neumünsteraner ihre alltäglichen Wege durch die Stadt mit dem Fahrrad zurück, in den Sommermonaten klettert ihr Anteil sogar auf etwa 21 Prozent. Jeder fünfte Neumünsteraner ist dann vorrangig mit dem Rad unterwegs – trotz der „teils widrigen Infrastruktur in der Stadt“, wie Feldmann-Jäger unterstrich. Die gleiche Studie besagt auch, dass viele Autofahrer in Neumünster ungewöhnlich viele Kurzstrecken zurücklegen. Die Stadt vergebe hier große Chancen, durch die Förderung des Radverkehrs einen gewichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, sagte Ulf Döhring.

Unterschiedliche Meinungen gab es zu der Frage, wie das Radwegenetz in der Stadt verbessert werden könnte. Kurt Feldmann-Jäger plädierte für mehr Fahrradstraßen. Er möchte beispielsweise die bestehende Fahrradstraße in der Carlstraße von der Roonstraße bis zum Ring fortführen. Peter Cleve (BFB) widersprach. Fahrradstraßen seien nur sehr schwer durchzusetzen und auch nicht überall sinnvoll. Er plädierte stattdessen für mehr Einbahnstraßen, auf denen Radler nachweisbar wesentlich sicherer unterwegs seien.

STANDPUNKT

Kleines Gedankenspiel: Sie fahren mit dem Auto  an eine Baustelle heran. Dort entdecken Sie ein Schild: „Autofahrer bitte aussteigen und schieben!“ Unmöglich, sagen Sie – verständlicherweise. Radfahrer  greifen gern auf das Gedankenspiel zurück, um zu dokumentieren, dass sie trotz aller  Sonntagsreden  und Versprechen  noch immer als Verkehrsteilnehmer  zweiter Klasse behandelt werden. Und sie haben Recht  – leider auch in Neumünster. Allen schönen Ankündigungen der Politik und wohlwollender  Bemühungen der Verwaltung zum Trotz wird auf  die  Entwicklung ihres   Wegenetzes  durch die Stadt  nicht annähernd so viel Mühe und Geld verwendet wie auf das der Autofahrer. Das wäre noch nicht einmal so schlimm, wenn  Autofahrer  fair von "ihren" Fahrbahnen "abgeben" würden. Die Bereitschaft dazu scheint allerdings noch immer  spärlich ausgeprägt, eher im Gegenteil: Noch immer werden Radwege oder Fahrradstreifen gnadenlos zugeparkt, die Radler in engen Straßen auch schon  mal von der Fahrbahn gehupt, wenn sie „den Verkehr aufhalten“. Mit mehr Respekt vor den Radlern wäre schon viel gewonnen. Verkehrsexperten sind da übrigens schon einen Schritt weiter, sie werden Radler künftig  häufiger auf die Straße  schicken. Autofahrer werden umdenken müssen.

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