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Gerichtsbericht : Prozess wurde zur Lehrstunde über Tiermedizin

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ein Professor vermittelte im Hundezüchterprozess sein Fachwissen.

von
erstellt am 02.Mär.2016 | 07:45 Uhr

Neumünster | Es kommt  eher selten vor, dass im Amtsgericht  Vorlesungen aus der Tiermedizin gehalten werden. Doch gestern, im Prozess gegen ein Hundezüchterpaar (44 und 60) aus Padenstedt, bekam der fünfte Verhandlungstag über gut drei Stunden genau diese Atmosphäre. Denn  das Gericht hatte  mit Professor Ottmar Distl (64) eine Koryphäe aus dem Bereich der Genetik von der Tiermedizinischen Hochschule Hannover als sachverständigen Zeugen eingeladen. 

Die Prozessbeteiligten brauchen das geballte Fachwissen des Experten, um irgendwann einschätzen zu können, ob sich die Angeklagten wissentlich etwas zu Schulden kommen ließen oder nicht. Dem Paar wird vorgeworfen  zwischen 2011 und 2014   Labradore gezüchtet und verkauft zu haben, deren Eltern an Hüft- (HD) beziehungsweise Ellenbogendysplasie (ED) erkrankt waren   (der Courier berichtete).

Gestern lernten alle Anwesenden viel über die Krankheiten – und auch,  dass die Tiermedizin  nicht immer einfache Antworten auf spezielle Fragen geben kann. Allerdings ließ der Professor keinen Zweifel daran, dass   die Hüftdysplasie „überwiegend genetische Ursachen“ habe.

Sogenannte „umweltbedingte Risikofaktoren“, wie zum Beispiel  tägliches  systematisches Treppensteigen eines sehr jungen Hundes, können  die Krankheit allerdings stärker oder früher hervorrufen. Sie müsse aber bereits genetisch angelegt sein.  Das Tückische an der HD: Laut Ottmar Distl   ist sie als solche schmerzlos für das Tier. Erst sekundäre Folgen, wie zum Beispiel Arthrose, machten dem Hund dann Probleme. Hat er  am Ende seines Wachstums nachweislich keine HD, so bleibt er auch in Zukunft davon verschont. Mögliche Zuchttiere werden deshalb auf spezielle Art geröntgt und begutachtet.

Die Ellenbogendysplasie klassifizierte der Veterinär als vollkommen andere Krankheit. „Sie  ist viel komplexer als HD.  Als Ursache kennt man nur die  Erblichkeit“, sagte  er unter anderem. Erhält ein Hund die Diagnose, fällt er sofort aus der Zucht heraus.

Zwei  sogenannte HD- beziehungsweise ED-freie Elterntiere sind für den Käufer eines  Welpen nach Auskunft des Experten keine Garantie für ein gesundes Tier.  „Man muss die Rasse und das Basisrisiko kennen“, hieß es.  Aufschlussreich wäre ein Blick ins Zuchtbuch, wo auch die nativen Fälle aus den Würfen aufgelistet werden müssen, so der Professor, der auch genau den Weg zur Zuchttauglichkeit und das Reglement erläuterte.

Am nächsten Verhandlungstag  will das Gericht unter anderem einige Zeugen laden, die einst an einer Durchsuchung   auf dem Gelände des angeklagten Paares dabei waren.  Zuvor hatten die Verteidigung  und beide Angeklagten das Vorgehen der  Ermittler und Tierärzte kritisiert. Unter anderem seien damals Speichel- und Haarproben der Hunde unfachmännisch genommen worden. „Das wird nicht gerichtsfest sein. Am genetischen Fingerabdruck führt kein Weg dran vorbei. Es  sind    dafür Blutproben der Hunde zu nehmen“, erklärten die Juristen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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