Streik : Poststreik 2015: Wenn die Faxgeräte heiß laufen

Widersprüche faxt Astrid Abandowitz vom Sozialverband an die Behörden.
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Widersprüche faxt Astrid Abandowitz vom Sozialverband an die Behörden.

Langsam sind die Menschen genervt, weil sie seit Wochen keine Briefe bekommen. Ein Stimmungsbild.

shz.de von
01. Juli 2015, 07:00 Uhr

Neumünster | Beim Thema Post rauft sich die Sozialverbands-Geschäftsführerin Astrid Abandowitz derzeit die Haare. „Wir bekommen seit elf Tagen keine Post, das wird zunehmend problematisch.“ Bescheide über Renten, Schwerbehinderung, Widersprüche gegen Behörden oder Krankenkassen stecken in der Poststreik-Schlange fest. Seit vier Wochen wird bei der Post gestreikt, und das treibt den Blutdruck nicht nur in den Betrieben, sondern auch bei Verbänden, Vereinen und Privatleuten hoch.

„Wir haben zwar kaum Arbeit mit dem Posteingang, aber jede Menge mit unserer ausgehenden Post. Unsere Kunden bangen und warten auf Geld oder Papiere. Das ist oft mit Fristen verbunden. Wir bewahren jeden eingehenden Umschlag auf, um das Datum zu beweisen. Und um sicher zu gehen, dass die Empfänger Bescheid wissen, faxen wir jetzt alle Widersprüche und Klagen im Vorweg“, sagt Astrid Abandowitz. Das machen auch andere: Gerade am Mittwoch dauerte ein Fax an das Landesamt für Soziale Dienste in Lübeck eine halbe Stunde, weil ständig besetzt war, sagt sie. Und: „Was passiert bloß, wenn die Post nicht mehr streikt? Dann schieben wir hier ohne Ende Überstunden.“ Die fehlenden Briefe sind sogar in der Nähe, denn es gibt Zustellstützpunkte in der Stadt, an denen die Zusteller sich ihre Post abholen. Wo die sind, sagt die Post aber nicht.

„Es ist fast so wie früher, als die Post noch mit Pferd und Kutsche anrollte und man sich glücklich schätzen konnte über einen Brief oder einen Dukaten-Beutel“, sagt Gerlinde Gullert. Mit 50 PS unter der Haube macht die Geschäftsführerin des Mädchen-Musikzuges in Neumünster ihr Auto fast täglich zur Ein-Frau-Postkutsche. Sie nimmt es mit Humor: „Ich baue das möglichst in meine privaten Wege ein.“ Das Meiste wickele sie über E-Mail ab: „Viele haben ja auch Smartphones. Ich habe zwar keins, aber ich frage dann jemanden, der eins hat, und setze auf die Vernetzung“, erzählt sie.

Holger Hammerich (71) an der Normannenstraße ist auch schwer genervt: Seit dem 19. Juni hat er keine Post bekommen. Er betont, dass er für den Streik ist, aber: „Die stellen doch auch Leute extra ein, könnte man nicht einmal in der Woche alle Bezirke abdecken? Das würde mir schon reichen.“ SPD-Ratsherr Bernd Delfs an der Rubensstraße in Brachenfeld hat seit dem 17. Juni keine Post bekommen: „Keine Versicherung, Rechnungen oder anderes, meine Frau hatte Geburtstag und keine einzige Karte bekommen. Wer weiß, was da alles noch feststeckt?“ Genau sieben Umschläge sind in einer Woche gekommen – alle per Boten, entweder von der Sparkasse oder von der Stadt. Das sind zum Beispiel Ausschuss-Sitzungsunterlagen.

Die verschickt die Stadt Neumünster durch ihren eigenen Botendienst. „Ratsunterlagen fahren wir grundsätzlich so aus, auch anderes, wenn eine Frist gewahrt werden muss. Mehrarbeit entsteht, weil vor den Ferien viele Ausschüsse geballt tagen. Außerdem müssen die Fachdienst-Betreuer alle erreichen“, sagt Thorald Röse, Leiter des zentralen Einkaufs und zuständig für die Botenmeisterei. Er weiß: „Die fahren persönlich los.“

Bernd Delfs hat aber noch andere Sorgen. Der Vater eines Sohnes und einer Tochter fragt sich: „Beide sind auf Stellensuche, die Bewerbungsunterlagen sind fix und fertig. In Neumünster kann man das ja noch herumfahren, aber nach Hamburg oder Rendsburg?“ Dafür hat Thomas Bohse, Pressesprecher der Arbeitsagentur, Tipps parat: „Bewerber sollten sich telefonisch melden und fragen, ob es auch online geht. Am besten ist, die Unterlagen als Päckchen zu verschicken oder andere Dienstleister zu benutzen.“

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