Einzelhandel : Porzellan Horn: Zu wenig Kunden – Aus nach 32 Jahren

 Aus für ein Traditionsunternehmen: Evelyn Müller, Inhaberin von Porzellan Horn am Großflecken, steht vor ihrem Laden, in dem der Räumungsverkauf begonnen hat. Bis zum August muss alles weg sein.
Aus für ein Traditionsunternehmen: Evelyn Müller, Inhaberin von Porzellan Horn am Großflecken, steht vor ihrem Laden, in dem der Räumungsverkauf begonnen hat. Bis zum August muss alles weg sein.

Inhaberin Evelyn Müller entschloss sich „schweren Herzens“ / Sie nennt das DOC als einen Grund für den Umsatzrückgang

shz.de von
22. Juli 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | „Räumungsverkauf“ steht weithin sichtbar über dem Eingang. Rote Schilder mit heruntergesetzten Preisen und Rabatt-Prozenten sind an Tassen, Geschenkkarten, Gläser und Kerzen geklebt. Am Großflecken 48 schließt Porzellan Horn – ein weiteres inhabergeführtes Fachgeschäft, das nach 32 Jahren in Neumünster aufhört. Der Grund: Immer weniger Umsatz. Es ist das letzte dieser Branche in der Innenstadt.

„Schweren Herzens“ habe sie sich dazu entschlossen, ihren Laden zu schließen, sagt Evelyn Müller (54), die das alteingesessene Geschäft 1998 von ihrem Vater Jürgen Horn übernahm, der es vor 32 Jahren gegründet hatte. Erster Standort des Haushaltswaren-Fachgeschäft war an der Kieler Straße 8, fünf Jahre später zog Porzellan Horn in die Alte Post-Passage. Vor sieben Jahren kam der Umzug an den Großflecken 48.

Doch zwei Hauptursachen sorgten für einen Umsatzrückgang. Zum Einen der Wandel im allgemeinen Geschmack: „Feines Porzellan ist nicht mehr gefragt, Porzellanfabriken bauen ab. Vor 20 Jahren arbeiteten noch 40 000 Menschen speziell im Fichtelgebirge, wie in Selb bei Rosenthal. Heute arbeiten weniger als 4000 Menschen dort“, sagt die Geschäftsfrau. „Das ist der Wertewandel. Junge Menschen leben mit Weiß-Geschirr. Manufakturen und Porzellankunst stehen in den Schränken der Elterngeneration. Das sage ich ohne Vorwurf“, stellt sie fest. Es gebe auch keinen Hochzeitstisch mehr oder eine Aussteuer mit komplettem Geschirr-Services.

Deutliche Spuren hinterließ aus ihrer Sicht aber auch der zunehmende Kundenstrom in Richtung DOC. „Das hat uns sehr zu schaffen gemacht, vor allem, seit es jetzt komplett vermietet ist und noch erweitert wird. Das ist für die Leute ein Ersatz für die Innenstadt geworden“, meint Evelyn Müller. Innerhalb von drei Jahren habe sich die Einzelhandelsfläche der Stadt verdoppelt; das seit etwas, was die Innenstadt nicht verkrafte. Dass ihre Tochter Katharina nicht in ihre Fußstapfen treten, sondern lieber als Redakteurin arbeiten möchte, kommt erschwerend hinzu. „Ich konnte ihr nicht wirklich zuraten, ihre Lebensarbeitszeit in nochmal 32 Jahre Porzellan Horn zu investieren“, sagt Evelyn Müller.

Inhabergeschäfte seien für eine Stadt wichtig, sagt sie und verweist auf charmante Innenstädte wie in Oldenburg oder Eckernförde: „Da müssen alle an einem Strang ziehen.“ Mit Herzblut hat sie das Traditionshaus geführt. „Wir hatten mit der nicht vorhandenen Kundenfrequenz zu kämpfen. Und meine Vorstellungen konnte ich nicht mehr umsetzen“, sagt Evelyn Müller. Denn das Sortiment, die Gestaltung, die Auswahl – das war alles ihr persönlicher Geschmack.

Der Räumungsverkauf läuft noch fünf Wochen; im August muss der Laden leer sein. „Viele Kunden kommen, nehmen mich in den Arm, ich kenne sie ja alle mit Namen. Sie finden es schade“, sagt sie. Was nach dem Aus ihres Geschäfts kommt, steht noch nicht fest: „Da habe ich noch keine Pläne.“

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