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Prozess : Polizist vor Gericht: Hatte der Angeklagte Schulden?

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zeugen sollen offene Fragen klären.

von
erstellt am 07.Okt.2017 | 11:00 Uhr

Neumünster | Mit ausführlichen Zeugenbefragungen wurde gestern im Amtsgericht der Prozess gegen einen Polizeibeamten (36) fortgesetzt. Der Mann, der bis zu seiner Suspendierung seinen Dienst in Neumünster versah, muss sich wegen eines sogenannten Verwahrungsbruchs verantworten. Laut Staatsanwaltschaft soll er am 30. April vergangenen Jahres als Einsatzleiter das Portemonnaie eines schwer verletzten Unfallopfers an sich genommen und daraus mehr als 5000 Euro gestohlen haben (der Courier berichtete). Der Angeklagte bestreitet den Vorwurf.

Stattdessen will er das ihm anvertraute Portemonnaie des Verletzten kurz vor Dienstende in die Asservatenkammer seiner Dienststelle gelegt haben. Dort war es jedoch zwischenzeitlich nicht mehr auffindbar, als die Familie des Besitzers es abholen wollte. Als der Angeklagte später wieder zur Schicht erschien, will er das Portemonnaie jedoch wieder in der Asservatenkammer entdeckt haben. Später brachte er es mit einem Kollegen zur Familie des Unfallopfers zurück – statt über 6000 Euro fand die darin aber nur gut 600 Euro, und das brachte Nachforschungen ins Rollen.

Seitdem sind für die Ermittler und Juristen viele Fragen zu beantworten. Wer hätte sonst noch Zugriff auf das Geld haben können? Hatte der Mann damals Geldsorgen? Und warum zahlte er Stunden nach dem fraglichen Einsatz einen hohen Geldbetrag in 500-Euro-Scheinen an einem Automaten in Kiel auf sein Konto ein? War es wirklich ein Wettgewinn, wie er es sagt?

Seit zwei Verhandlungstagen versuchen sich die Prozessbeteiligten jetzt schon unter anderem ein Bild von den den Abläufen auf der Dienststelle des Angeklagten zu machen sowie seine Vermögensverhältnisse zu ergründen.

Zahlreiche Kollegen des Polizisten saßen bereits im Zeugenstand und erläuterten die Registrierungen von Asservaten, die Anfertigung von Niederschriften und eine polizeiinterne Computererfassung. Ein Kriminalbeamter, der den Verdacht gegen den Kollegen damals zu untersuchen hatte, schilderte, wie bei dem Mann Diensträume, Auto und die Wohnung durchsucht wurden. „Da wurde nichts Relevantes gefunden“, so der Ermittler. Bei der Auswertung der Kontodaten des Kollegen habe man jedoch „ein starkes Minus“ bemerkt, so der Ermittler. Das bestätigte auch eine Mitarbeiterin der Bank, bei der der Angeklagte damals Konten hatte. „Die Kreditkarte war bis an die Grenze belastet. Die Girokarte war auch in der Überziehung“, schilderte sie.

Das mochten der Polizist und sein Verteidiger nicht so stehen lassen. „Ich gehe nicht von einer Überschuldung aus“, sagte der Anwalt. So habe der Mann unter anderem eine Eigentumswohnung besessen, das Konto bei der besagten Bank sei wegen des Umzugs zu einem anderen Geldinstitut im Minus gewesen. Und hohe Wettgewinne habe er über viele Monate immer wieder bar eingezahlt – das sei keine Besonderheit gewesen.

Zwei anonyme Schreiben, die erst in diesem Jahr die Ermittler erreichten, machen die Wahrheitsfindung nicht einfacher. In einem langen Brief zum Beispiel bezichtigt sich ein Unbekannter, das Geld auf der Dienststelle gestohlen zu haben – und legte zum Beweis Fotos von 500 Euro Scheinen bei. Verwertbare Spuren waren an der Sendung nicht zu finden. Der Prozess wird fortgesetzt.  

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