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Ermittler in der Flüchtlingsunterkunft : Polizeiarbeit zwischen den Kulturen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Mit 21 Beamten ist die Polizeistation in der Landesunterkunft zurzeit besetzt. Großeinsätze blieben bisher aus. Kulturelle Konflikte gehören zum Alltag.

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erstellt am 09.Okt.2015 | 07:00 Uhr

Neumünster | Die Ereignisse in Flüchtlingsunterkünften in Braunschweig oder Hamburg sind erschreckend: Fast täglich ist von Massenschlägereien und großen Polizeieinsätzen die Rede. In Neumünster leben zurzeit 4910 Menschen aus Syrien, dem Iran, Afghanistan, Eritrea und Albanien auf engstem Raum in der Erstaufnahmeeinrichtung am Haart. Große Eskalationen blieben hier laut Polizei bisher aus. Doch die typischen Konflikte kennen die Polizisten vor Ort ebenfalls.

Mit 21 Beamten ist die Polizeistation in der Landesunterkunft – so der offizielle Name – zurzeit besetzt. Dazu gehören ab sofort auch wieder Neumünsteraner Beamte, die bisher in Boostedt in der Erstaufnahme tätig waren. Denn die polizeilichen Aufgaben in Boostedt übernehmen in Zukunft Kollegen aus dem Kreis Segeberg.

Ab 500 Flüchtlingen muss eine eigene Polizeistation vor Ort eingerichtet werden. Die Besetzung richtet sich dann nach der Anzahl der Menschen in der Unterkunft. Von 9 bis 22 Uhr, eingeteilt in Früh- und Spätdienst, versehen die Polizisten am Haart im unteren Stockwerk eines Blocks am Eingang ihren Dienst. Zusätzlich stehen rund um die Uhr insgesamt zehn Kräfte der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung aus Eutin auf dem Gelände parat.

Polizeioberkommissarin Nicole Blöckers (43) leitete bis vor wenigen Tagen noch die Station in der Boostedter Erstaufnahme. Jetzt vertritt sie als Chefin am Haart ihren Kollegen Polizeihauptkommissar Jörg Böttcher, der im Urlaub ist. Als Leiterin versucht sie, kritische Situationen zwischen den Flüchtlingen einzuschätzen und durch Polizeipräsenz zu entschärfen. „Wir sind immer bei der Essensausgabe, der Taschengeldverteilung und beim Anstehen zum Bustransfer vor Ort – also überall, wo Konkurrenzkampf drohen könnte“, sagt die Polizistin. „Das funktioniert bisher ganz gut. Ich hoffe, dass das auch so bleibt“, meint sie.

Doch nicht jede Auseinandersetzung lässt sich verhindern. Dazu ist das Konfliktpotenzial zwischen den unterschiedlichen Kulturen einfach zu groß. „Einige Nationalitäten haben aus ihrer Geschichte heraus schon Jahrhunderte alte Vorbehalte gegeneinander“, weiß Nicole Blöckers. Manchmal sind es auch Sprachschwierigkeiten, die eine eigentlich harmlose Situation plötzlich eskalieren lassen: So wie gestern Morgen: „Da haben sich zwei Männer auf dem Flur unterhalten, und ein dritter mischte sich ein“, erzählt die Leiterin der Polizeistation. Doch offensichtlich sprach der Dritte einen anderen Dialekt. Seine Gesprächspartner fühlten sich beschimpft. Erst gab ein Wort das andere, dann flogen die Fäuste. „Wir waren schnell da und konnten die Männer trennen. Zum Glück ist nichts Ernsthaftes passiert“, so Nicole Blöckers.

„Natürlich gibt es hier immer wieder Spannungen“, sagt die Polizistin. Doch ihr Resümee fällt bisher positiv aus. „Von der Größenordnung ist die Erstaufnahme eine Kleinstadt. Dafür, dass hier so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft auf engstem Raum zusammen leben müssen, sind es letztendlich wenige Vorkommnisse. Da hat manche Kleinstadt ganz andere Zahlen“, sagt sie. Körperverletzungen, Beleidigungen und kleine Diebstähle werden laut Polizei aktenkundig. Sexualdelikte spielen bisher keine Rolle. „Davon haben wir keine Kenntnisse. Und auch die Mitarbeiter vom Roten Kreuz hier vor Ort haben davon nichts berichtet“, sagt die Stationsleiterin.

Neben den typischen Polizeiaufgaben beschäftigen immer wieder kleine Anfragen der Flüchtlinge – zum Beispiel zur Taschengeldausgabe oder der Öffnung der Kleiderkammer – die Beamten. Sie werden dann an die zuständigen Stellen weitergeleitet. Auf Englisch. Und wer das nicht versteht, bringt in der Regel einen Kumpel zum Übersetzen mit. Nur bei komplizierten Vorgängen wird ein Dolmetscher geholt. „Ohne Englisch wäre man auf dieser Polizeistation aufgeschmissen“, sagt Nicole Blöckers.

 

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