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Pointenreiche und entlarvende Aufführung nimmt das Bürgertum aufs Korn

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Monsieur Chasse oder Wie man Hasen jagt“ stand am Sonnabendabend auf dem Theaterprogramm, geschrieben vom französischen Boulevard-Meister Georges Feydeau (1862-1921).

Zu erwarten war eine witzige, pointenreiche und entlarvende Aufführung. Die bekamen die 360 Zuschauer im Theater in der Stadthalle auch zu sehen, aber auf andere Art und Weise inszeniert und gespielt als in der Regel auf deutschen Bühnen üblich. Mit „Monsieur Chasse“ (in der konsequenten Regie von Roberto Ciulli) bürstete das „Theater an der Ruhr“ wieder einmal ein Stück gegen den Strich und eröffnete durch diese Methode neue Interpretationsansätze und Sichtweisen.

Feydeau ist der Meister der Verwechslungskomödie (unter anderem „Floh im Ohr“, „Die Dame vom Maxim“), die von Lügen und Missverständnissen aller Art, verwechselten Hosen und verlorenen Briefen lebt und die mit feinjustierter Präzision in die „Logik des burlesken Wahnsinns“ (Jean-Louis Barrault) und bis in die Absurdität führt.

Feydeaus Protagonisten sind in Bewegung gesetzte Karikaturen des ach so wohlanständigen Bürgertums, das sich selbst sehr, sehr ernst nimmt. Die seitenspringenden Herren und die ehebruch-lüsternen Damen sind gleichzeitig Heuchler und Feiglinge, zu allem bereit und dennoch so fest und so komisch in den geltenden Konventionen verhaftet.

Eigentlich geschieht den ganzen Abend lang gar nichts, denn „Feydeaus Helden haben sich von nichts anderem als ihrer eigenen Phantasie hetzen lassen“ (Ernst Wendt). Dass ist so glasklar und durchsichtig wie das Bühnenbild, das Gralf-Edzard Habben für „Monsieur Chasse“ erdacht hat.

Das Zusammenspiel von Spiegelungen vor oder hinter den Fenstern, die durch ständig herablaufende Regentropfen eine verschleiernde Wirkung hervorrufen, die zahlreichen Licht- und Toneffekte gaben einen perfekten Rahmen für das Spiel der Schauspieler. Entgegen der gängigen Aufführungspraxis (wie geschmiert laufender Komödien-Mechanismus und immer rasanter werdendes Tempo) zeigte das „Theater an der Ruhr“, was geschieht, wenn das Stück „entschleunigt“ gespielt wird, wenn Texte gedehnt und unterkühlt gesprochen werden, wenn lange Pausen (einige zu viel!) als Stilmittel eingesetzt werden. Dann sieht man ein anderes, ein neues Stück, das den Blick hinter die vordergründige Handlung zulässt und das Bürgertum gestern wie heute klarer und abgründiger aufs Korn nimmt.

Roberto Ciulli hatte das großartige Ensemble auf diesen Ton gestimmt. Petra von Beek als berechnend-unentschlossene Léontine, Albert Bork als tölpelhafter Seitenspringer Duchotel, Steffen Reuber als eindringlicher, aber erfolgloser Liebhaber Moricet, Rupert J. Seidl als missbrauchtes Alibi, Marco Leibnitz als androgyner Gontran zeigten mit hoher Konzentration, Präzision und Freude am komödiantischen Spiel, dass „Monsieur Chasse“ auch so seine Wirkung nicht verfehlt. Es hat sich gelohnt, das zu sehen!











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