Neumünster : Plüschig, aber nicht ganz rund

Proletarier-Sohn Paul Schippel ist zum Bürger aufgestiegen.
Proletarier-Sohn Paul Schippel ist zum Bürger aufgestiegen.

Inszenierung von „Bürger Schippel“ zum Abschluss der Theatersaison überzeugte nicht durchgängig.

shz.de von
20. Mai 2018, 10:46 Uhr

Neumünster | Zum Abschluss der Theatersaison 2017/18 präsentierte das Landestheater „Bürger Schippel“ von Carl Sternheim (1878-1942). Die bissige, satirische, immer noch treffsichere und entlarvende „Komödie“ – in der es gar nicht viel zu lachen gibt – gehört zu dem Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“.

Die Typen und Themen, symptomatisch für die „Plüschzeit“, wie Sternheim seine Zeit nannte, wurden von den Zeitgenossen nicht gerne gesehen, denn der unerbittliche Spiegel, den er ihnen vorhielt, kam der Realität wohl zu nahe. Eine Sternheim-Renaissance setzte erst wieder in den 1970er-Jahren ein. Man erkannte nicht nur die Qualität seiner Stücke, sondern auch, dass sich nur die Dekoration, nicht aber der Mensch an sich, verändert hatte. Außerdem reizten die Werke Regisseure und Schauspieler, den teilweise sehr verschrobenen, aberwitzigen Typen Profil zu geben, und die äußerst verknappte, auf das Wesentliche reduzierte Sprache, lebendig werden zu lassen.

Das gelang in der Aufführung des Landestheaters nicht durchgängig überzeugend. Viele Szenen erfreuten durch Präzision in Darstellung und Sprache, manche wirkten amüsant, manche irritierend, manche ungeschickt, manche albern. Regisseur Sascha Bunge ließ viele Szenen sehr statuarisch spielen, wo man sich ein Miteinander der Akteure gewünscht hätte. Die Accessoires auf der Bühne (Angelika Wedde) deuteten schlicht und ziemlich geschmacksfrei Bürgerliches an: Wolkengardinen, hochherrschaftlicher Sessel, Möglichkeit zu einer „Balkonszene“, „völkische“ Plakate.

„Du bist Bürger, Paul!“, das ist der letzte Satz der bissigen Komödie. Paul Schippel hat es geschafft! Er, der Proletarier, der Sohn eines Fräulein Mutter, der Rumstreuner ist zum Bürger aufgestiegen. Er ist anerkannt! Von wem eigentlich? Bei Sternheim von ziemlich miesen, hinterhältigen, bornierten, dünkelhaften Mitgliedern des Bürgertums, das sich in seiner engen spießbürgerlichen Welt eingerichtet hat, und das Errungene mit Zähnen und Klauen verteidigt. Was hat Schippel mit diesen Leuten zu tun? Sie brauchen ihn, die drei Herren eines Männergesangsquartetts, denen der Tenor gerade weggestorben ist, denn der Gesangswettbewerb in Anwesenheit des Fürsten rückt näher. Die „ehrenwerten“ Bürger, der Goldschmied Hicketier (souverän: Reiner Schleberger), Druckereibesitzer Wolke (total verhuscht: Andreas Torwesten) und der fürstliche Beamte Krey (schön unbeholfen: Klaus Gramüller) bemühen – nein, überwinden – sich, mit vielen sprachlichen und auch körperlichen Verrenkungen Kontakt zu Paul Schippel, der einen sehr schönen Tenor hat, aufzunehmen.

Schippel (locker und überzeugend dargestellt von Lorenz Baumgarten) seinerseits wittert Morgenluft und bereitet seinen gesellschaftlichen Aufstieg durchaus geschickt und rotzfrech vor. Er möchte mit Handschlag begrüßt werden und als Gast im Hause Hicketier verkehren, und er würde auch die Schwester (konservativ-aufmüpfig Manja Haueis) des Hausherrn ehelichen, wenn diese nicht durch ein Techtelmechtel mit dem Fürsten (Nenad Subat) zu einem „gefallenen Mädchen“ geworden wäre. Auch ein Schippel hat seine Prinzipien!

Gesungen wurde natürlich auch – und das richtig gut – und innig und von Herzen kommend, eben „plüschig“, wie Sternheim gesagt hätte. Die Inszenierung, die noch nicht ganz rund lief, wurde vom Publikum (250 Besucher) mit freundlichem Beifall aufgenommen.







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