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Holsteinischer Courier

11. Dezember 2017 | 18:37 Uhr

Boostedt : Persönliche Anfeindungen nehmen zu

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Erstaufnahme in Boostedt: Facebook-Forum wurde geschlossen. Gemeinde will mit Bürgerinitiative sprechen.

von
erstellt am 24.Okt.2015 | 10:30 Uhr

Boostedt | Nach der Kritik an der  Informationspolitik  der Gemeinde  über die  Flüchtlingsunterbringung in Boostedt will Bürgermeister Hartmut König (CDU) die  Bürgerinitiative Boostedt und  Thorsten Gäbel vom nicht mehr aktiven Internetforum „Boostedter Demo“ (siehe unten)  zu einem Gespräch einladen.

„Dieses Vorgehen habe ich am Donnerstag auf einer Sitzung mit den Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Brückner (CDU) und Bernd Schauer (SPD) besprochen. An dem Gespräch sollen außerdem Vertreter der beiden Hilfsorganisationen sowie der Leitende Verwaltungsbeamte Sven Plucas teilnehmen“, erklärte König  auf Anfrage. „Natürlich nehme ich die Befürchtungen und Ängste der Bürger ernst. Ich habe bisher alles getan, und ich werde auch künftig alles tun, um den gesellschaftlichen Frieden im Dorf zu erhalten“, sagte König. Nichtsdestotrotz bleibe er aber bei seiner, von allen Gemeindevertretern mitgetragenen Auffassung, dass den Flüchtlingen die notwendige, humanitäre Hilfe geleistet werden müsse.

„Ich erwarte jedoch ebenso, dass sich die Landesregierung bewusst macht, vor welchen immensen Herausforderungen die politischen Vertreter stehen. Denn die persönlichen Anfeindungen nehmen zu“, sagte König.

SPD-Fraktionschef Bernd Schauer meinte: „Bis zu einem gewissen Grad sind die Ängste  in der Bevölkerung nachvollziehbar. Aber ich kann nicht verstehen, wenn Parolen geschürt werden, die  politischen Brandstiftern den Boden bereiten.“ Die Hilfe gegenüber den Flüchtlingen bleibe ein Gebot der Menschlichkeit.  Wer das  auf 1000 Menschen für Boostedt begrenzen wolle, müsse sagen, wo er die übrigen Menschen  lassen wolle,  sagte Schauer mit Blick auf die Forderung der  Bürgerinitiative.

Ähnlich  äußerte sich  CDU-Fraktionschef Wolfgang Brückner. „Wir stehen den Bürgern immer für Gespräche zur Verfügung. Dass Befürchtungen in der Bevölkerung da sind, ist verständlich. Die Bürgerinitiative ist ein Zeichen der Demokratie. Deshalb werden wir im  Austausch sehen, ob wir vielleicht gemeinsam mehr bewegen können.“

 

Boostedt: Demo abgesagt, Facebook-Gruppe geschlossen

Die Facebook-Gruppe „Boostedter Demo“ existiert seit gestern nicht mehr.  Wegen diffamierender und fremdenfeindlicher Kommentare hat Administrator Thorsten Gäbel nach eigenen Angaben die Seite gelöscht. Nach der Einwohnerversammlung zur Situation der Erstaufnahmestelle in Boostedt Anfang Oktober hatte sich, neben der Bürgerinitiative Boostedt, im Internet eine Facebook-Gruppe unter dem Namen „Boostedter Demo“ gegründet (der Courier berichtete gestern). Doch dieses Forum gibt es  seit gestern nicht mehr. „Bei uns ist Feierabend. Die Seite ist tot. Es wird auch keine Demonstration oder andere Treffen oder öffentliche Auftritte dieser Gruppe mehr geben“, teilte der bisher für die Seite verantwortliche  Gäbel auf Anfrage mit. Grund für die Auflösung seien die zunehmend persönlichen Anfeindungen ihm selbst gegenüber sowie diffamierende, fremdenfeindliche Kommentare und Beleidigungen gegenüber Boostedts  Bürgermeister Hartmut König. „Ich bin nicht bereit, mich oder auch Herrn König mit Sätzen wie ‚Boostedt soll brennen‘ oder ‚Am besten man knallt das Pack einfach ab‘ zur Zielscheibe machen zu lassen“, erklärte er.Anlass, die Gruppe zu gründen, sei es gewesen,  eine Plattform für eine konstruktive politische Diskussion über die Sicherheitslage für Bürger und Flüchtlinge vor Ort zu schaffen. „Doch dieses Engagement betrachte ich als gescheitert. Denn ich musste auch erfahren, dass  viele Aktive anonym bleiben wollen und nicht bereit sind, ihre Meinung sozusagen auch als reale Person zu vertreten. Deshalb habe ich die Gruppe aufgelöst“, erläuterte Thorsten Gäbel abschließend.

Keine Prüfung für 4000 Flüchtlinge

Der von Dietmar Kühl (Sprecher der Bürgerinitiative Boostedt) geäußerten Behauptung, die Feuerwehr habe den Auftrag, die brandschutzrechtlichen Bedingungen zur Unterbringung von 4000 Flüchtlingen zu prüfen (der Courier berichtete), wurde gestern auf Anfrage sowohl von Hartmut König als auch von Wehrführer Thomas Storm widersprochen. Es gebe weder eine Anfrage noch einen Auftrag zu einer solchen Prüfung. „Unsere Aufgabe ist es, den Brandschutz sicherzustellen. Dazu aktualisieren wir für uns stetig die Zufahrts- und Rettungswege. Denn aus sicherheitstechnischen Gründen werden auf dem Gelände zum Beispiel  Zäune versetzt. In diesen Fällen prüfen wir die Erreichbarkeit der Gebäude. Das hat mit der Anzahl der dort untergebrachten Personen nichts zu tun“, erklärte Storm. voi

Kommentar von Susanne Otto

Boostedt in Wallung

 Da sind sich die  Fraktionen in Boostedt einmal einig: Die Notwendigkeit der humanitären Hilfe wird nicht in Frage gestellt. Aber die Erstaufnahmestelle bringt die Gemeinde mächtig in Wallung. Während die einen sich für die Flüchtlinge engagieren, haben andere die Sorge, dass  ihre Ängste  unter den Teppich gekehrt werden sollen.      Mahnungen und Ängste darf man äußern, denn ganz sicher ist es eine Herausforderung, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen.   Aber   Strömungen, die massiv mobil machen, tun der Gemeinde für einen sachlichen Umgang mit der Lage nicht gut.  Wer steht hinter den Gruppen, welche   Ziele haben sie, woher kommen ihre Mitglieder? Gefährlich  ist es, wenn ausschließlich vom Gefühl her argumentiert wird   und   Erkenntnisse  vom  Hörensagen als Tatsachen verbreitet werden. Vorsicht vor Stimmungsmache!

 Die Bürger sind im höchsten Maße gefordert, sich   zu informieren  und die Quellen der Information zu bewerten, bevor sie urteilen.  Das mag mühsam sein, aber auch das gehört zur Demokratie.

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