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Schuldnerberatung : Per Ratenvertrag in die Schuldenfalle

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Schuldner sind immer jünger. Insolvenzberatung der Diakonie zog die Jahresbilanz für 2015 und setzt auf mehr Aufklärungsarbeit an Schulen

Neumünster | Der erste Job, die erste Wohnung – der erste Schufa-Eintrag? Immer mehr junge Leute sind überschuldet, weil sie die Kosten des selbstständigen Lebens nicht richtig einschätzen und Konsum auf Pump finanzieren. Ratenkredite führen so geradewegs in die Schuldenfalle.

Das zeigt die Jahresbilanz der Schuldnerberatung der Diakonie Altholstein. 77 Klienten, die jünger als 25 Jahre waren, nahmen 2015 die Hilfe der Verbraucherinsolvenzberatung in Anspruch. Das entspricht einem Anteil von 14 Prozent aller laufenden 543 Fälle und ist doppelt so hoch wie im landesweiten Durchschnitt.

Die Leiterin der Schuldnerberatung, Sybille Schwenk, nennt anonymisiert einen konkreten und durchaus typischen Fall. „Ich nenne ihn Stefan. Er ist 24 Jahre alt, hat eine ein Jahr alte Tochter, lebt aber nicht mehr mit der Mutter zusammen“, sagt Schwenk. Die Schulden bei den Stadtwerken, Telekommunikationsgesellschaften, einem Fitness-Center, beim Jobcenter wegen überzahlter Leistungen und durch Schmerzensgeldforderungen summierten sich ursprünglich einmal auf 6500 Euro.

Durch eine außergerichtliche Einigung und Vergleiche konnte Stefan mit Hilfe der Schuldnerberater seinen Schuldenberg innerhalb von knapp zwei Jahren auf 3600 Euro reduzieren. Ohne Berufsausbildung wechselt Stefan zwischen Jobs in der Zeitarbeit und Phasen der Arbeitslosigkeit. Immerhin: Er zahlt Unterhalt für sein Kind und stottert seine Schulden in kleinen Raten ab.

„Wir versuchen möglichst immer eine außergerichtliche Einigung“, sagt Sibylle Schwenk und erklärt: „Konsum wird leicht gemacht.“ Ratenzahlungsverträge für die neueste Elektronik locken mit niedrigen Raten. Doch die laufen noch Jahre weiter, auch wenn das Handy kaputt oder schlicht veraltet ist – oder sich das Leben schlagartig ändert, weil die Freundin schwanger ist.

Auch in der allgemeinen Schuldnerberatung gab es viel zu tun. 489 Neumünsteraner suchten dort 2015 Hilfe, etwa bei einer Stromsperre oder Pfändungen. „Wir leisten im Grunde Sozialberatung im Alltag“, sagt Sibylle Schwenk – und setzt mit ihren Mitarbeitern auf Präventionsarbeit. Die Comicausstellung „Schulden sind doof und machen krank“ für Schüler der Klassen 9 und 10 soll auch in diesem Jahr wieder im Volkshaus gezeigt werden. Geplanter Termin ist der 10. bis 14. Oktober. Und mit dem Monopoly nachempfundenen Rollenspiel „Ein x Eins. Augen auf im Geldverkehr“ kommen die Schuldnerberater auch gerne in die Schulen oder schulen die Lehrer.

Standpunkt

Nicht an der Prävention sparen

Kaufen, um dazu zu gehören? – Dass immer mehr junge Leute durch unvernünftiges Konsumverhalten in die Schuldenfalle geraten, ist ein Alarmsignal. Neumünster ist hier unrühmlicher Spitzenreiter im  Land  – das zeigte der Creditreform-Schuldenatlas. Jeder sechste Neumünsteraner gilt als überschuldet. Schlecht steht Neumünster auch bei der gerade erst vom Statistikamt veröffentlichten Zahl der Verbraucherinsolvenzen da. 22 Verbraucherinsolvenzen je 10000 Einwohner sind ein negativer Höchstwert im Norden. Um so wichtiger sind Prävention und Aufklärung. „Verbraucherbildung“ ist zwar schon seit 2009 im Lehrplan für die weiterführenden Schulen verankert, doch im Grunde sind nur wenige Lehrer dafür ausgebildet.  Hier wird am falschen Ende gespart.

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erstellt am 05.Mär.2016 | 07:45 Uhr

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