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Holsteinischer Courier

21. August 2017 | 20:37 Uhr

Prozess : Passanten suchten nach Brandopfern

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Landgericht Kiel: Im Prozess um das Feuer an der Bahnhofstraße 40 schilderten Zeugen das Geschehen. Experten sind uneins über das Ausmaß.

Neumünster | Im Prozess um die Brandstiftung an der Bahnhofstraße 40 hatten gestern am dritten Prozesstag Zeugen und gleich zwei Sachverständige das Wort. Seit Ende August müssen sich fünf Männer im Alter zwischen 31 und 70 Jahren vor dem Kieler Landgericht verantworten. Laut Anklage sollen zwei Brüder ( 31 und 37) im Auftrag des finanziell stark angeschlagenen Hausbesitzers (32) in der Nacht zum 15. September vergangenen Jahres in dem Mehrfamilienhaus an mehreren Stellen Feuer gelegt haben. Zwei Bekannte des Eigentümers, ein Gastwirt (70) und ein Kaufmann (38), sollen zuvor den Plan mit ausgeheckt haben. Laut Staatsanwaltschaft wollten die Männer an die Versicherungssumme von 500 000 Euro herankommen (der Courier berichtete). Alle fünf Angeklagten schweigen bisher zu den Vorwürfen.

„Es knallte plötzlich, ein Fahrgast rief: ‚Da brennt es‘“, schilderte ein Taxifahrer gestern den Schrecken in der Nacht. Der Mann hatte in unmittelbarer Nähe an der Ecke Fabrikstraße/Bahnhofstraße auf weitere Fahrgäste gewartet, als er die Verpuffung hörte. Gemeinsam mit weiteren Zeugen rannte er zu dem Haus. „Wir haben erst gegen die Fenster geklopft und mit meiner Taschenlampe hineingeleuchtet. Wir hatten Angst, dass da noch jemand drin ist“, so der Taxifahrer. Schließlich fanden sie eine unverschlossenen Tür. „Da lagen Matratzen, als ob da Obdachlose übernachtet hätten. Aber sonst war da niemand. Die Wände waren im Untergeschoss schwarz. Aber es war kein Feuer zu sehen. Da war nur Rauch im ersten Stock“, so der Zeuge. Als ein Passant rief: „Kommt da bloß raus, vorne fliegen die Fenster raus, und es hat geknallt“, hätten sie fluchtartig das Haus verlassen.

Ein junger Mann der zur gleichen Zeit mit ein paar Freunden in der Nähe stand, hörte ebenfalls den Knall und rief die Feuerwehr. Auch er wollte mögliche Opfer retten, rüttelte mit seinen Freunden an einer Tür. „Die ließ sich aber nicht öffnen. Außerdem war alles verqualmt. Zum Glück war die Feuerwehr rasend schnell da“, so der Zeuge. Ein Polizist, der wenig später an der Brandstelle eintraf, konnte schon kurze Zeit nach den letzten Löscharbeiten einen Teil des Hauses kurz betreten. Unter anderem fand er mehrere Kanister im Bereich der Treppe.

Dass gleich zwei Brandsachverständige gestern zu Wort kamen, führte gestern erst einmal zu Diskussionen unter den Prozessbeteiligten. Die Verteidigung hatte zusätzlich zu dem vom Gericht bestellten Experten des Landeskriminalamtes (LKA) noch einen weiteren Fachmann zu Rate gezogen. Denn von der Einschätzung der Brandexperten kann die Höhe der Strafe abhängen – und der LKA-Gutachter hatte zum Teil unter ungünstigen Bedingungen sein Fazit erstellen müssen. So hatte er ausschließlich Fotos zur Verfügung, als er mehr als ein halbes Jahr nach dem Feuer für weitere wichtige Details hinzugezogen wurde. Dass das Haus nach dem Brand nahezu unverändert geblieben war, war ihm nach eigener Aussage nicht mitgeteilt worden. Unstrittig war, dass Benzin als Brandbeschleuniger verwendet und entzündet worden war. „Die Frischluftzufuhr war aber zu gering. Daher ging das Feuer nach kurzer Zeit wieder aus. Es gab eine Verpuffung aber keine Explosion größeren Ausmaßes“, so der erste Experte. Doch die Juristen waren am meisten an der für die Strafzumessung wichtigen Frage interessiert, „ob Gebäudeteile tatsächlich selbstständig gebrannt haben“. Der LKA-Experte sah auf den Fotos deutlich gravierendere Schäden als sein Kollege. „Teile der Holzkonstruktion waren in Brand geraten“, so sein Fazit. Dem widersprach der zweite Gutachter. Er war vor Kurzem mit der Kripo selbst vor Ort gewesen und fand „im Treppenbereich nur Oberflächenschäden. Es hat kein dauerhaft möglicher Brand stattgefunden“, stellte er fest.

Der Prozess wird fortgesetzt.


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erstellt am 25.Sep.2014 | 06:30 Uhr

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