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Tag der Deutschen Einheit : „Panik haben wir hier nie gehabt“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bildhaft beschrieb gestern der DRK-Landesvorsitzende Torsten Geerdts, wie Neumünster den Umbruch in der DDR und die Maueröffnung erlebte.

Neumünster | An den 25. August 1989 kann sich Torsten Geerdts noch gut erinnern. Der damals 26-Jährige war dabei, als die Landesregierung verkündete, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Neumünster Landesaufnahmestelle für DDR–Flüchtlinge werden soll. „Das geschah ohne Beteiligung der Presse. Wir brachten die ersten Übersiedler aus dem Osten deshalb im Staatshof am Prehnsfelder Weg unter, da waren sie vor zu viel Öffentlichkeit sicher“, erzählte Geerdts als Ehrengast gestern bei der Festveranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV) zum Tag der Deutschen Einheit auf dem Berliner Platz.

Der spätere Landtagspräsident war zu dem Zeitpunkt seit drei Jahren DRK-Mitarbeiter und wurde mit der Betreuung der Flüchtlinge beauftragt. Heute leitet der 51-jährige Falderaner den Landesverband der Hilfsorganisation.

Vier Tage hob Geerdts gestern in seinem bildhaften Vortrag am Gedenkstein hervor. Neben dem 25. August auch den 30. September, den 9. November und den 18. Dezember 1989. Als Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag die Ausreisegenehmigung für Tausende DDR-Flüchtlinge am 30. September bekannt gab, „da hatten wir die Aufnahmestelle in einer Kneipe am Schleusberg eingerichtet und dachten, nun kommt ein großer Zustrom. Doch die meisten blieben schon in Süddeutschland hängen“, erzählte Geerdts.

Ähnlich die Situation am 9. November. SED-Partei-Sekretär Günter Schaboswki referierte an diesem trüben Herbsttag über die zehnte Tagung des Zentralkomitees. Am Ende auf Nachfrage dann die entscheidenden Sätze. „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. (...) Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ „Wir haben das im Fernsehen gesehen, und ich habe gesagt, die Grenze ist gleich hinter Lübeck, die sind schnell hier. Doch dann dauerte es doch noch“, so Geerdts. Bis Mitternacht kauften er und vier weitere DRK-Mitarbeiter bei Bilka, Karstadt und Hertie Lebensmittel, doch als um Mitternacht noch keiner da war, gingen alle erst einmal schlafen. „Am nächste Morgen um 7.30 Uhr standen dann die Massen vor der Aufnahmestelle“, so Geerdts. Noch einmal kam ein Zustrom an Übersiedlern am 18. Dezember des Jahres, als Politiker dazu rieten, die Grenzen kurzfristig noch einmal zu schließen, um ein Ausbluten der DDR zu verhindern.

„Es waren spannende Zeiten, aber Panik haben wir hier nie gehabt“, betonte Geerdts. Alle Flüchtlinge, die nach Neumünster kamen – am Ende waren es 13 000 – seien gut untergekommen und verpflegt worden. Besonders lobte Geerdts Willi Treetzen, der damals als Leiter des Hauses der Jugend viele Zimmer und Betten zur Verfügung stellte. „Ich bin dankbar für die Erlebnisse und die vielen Gespräche, die ich in dieser Zeit geführt habe“, so Geerdts.

Zuvor hatte Stadtpräsident Friedrich-Wilhelm Strohdiek in einem geschichtlichen Abriss auch den Weg in die Teilung Deutschlands reflektiert.

Willi Treetzen bedauerte, dass nur knapp 40 ältere Gäste gestern Mittag den Weg zum Berliner Platz gefunden hatten. „Für die Jugend ist offenbar ein freier Tag wichtiger als die Gedanken zur deutschen Einheit. Dabei hätte jeder Geschichtslehrer seine Schüler eigentlich hierher schicken müssen.“ Im kommenden Jahr zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung würde Treetzen den Tag der Deutschen Einheit gerne größer feiern und hofft auf die Unterstützung der Stadt.

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erstellt am 04.Okt.2014 | 06:30 Uhr

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