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Beziehungskonflikte : Paare aus der Sackgasse führen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit über 30 Jahren hilft die Beratungsstelle von Pro Familia und der Awo bei Beziehungsproblemen. Betroffene kommen immer öfter zu spät.

shz.de von
erstellt am 12.Nov.2015 | 12:00 Uhr

Neumünster | Im ersten Ehejahr lief alles wunderbar. Maike Börnsen (32*) und ihr Mann Klaus (34*) lebten zunächst in einer Fernbeziehung. Er arbeitete als Lehrer in Hessen, sie in Tungendorf als Informatikerin. Beide sahen sich regelmäßig am Wochenende. Vor gut einem Jahr dann zog er zu ihr nach Neumünster – und die Schwierigkeiten fingen an. Es gab häufiger Unstimmigkeiten. Sie diskutierten, hatten zunehmend das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. Streit äußerte sich in Vorwürfen, Schreien und Spott. Als sie auch noch eine Affäre anfing, stand die Trennung kurz bevor.

Um ihre Ehe doch noch zu retten, wandten sie sich an die Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt und von Pro Familia. Seit 1982 helfen am Goebenplatz 4 fünf ausgebildete Berater in der von Land und Stadt getragenen Einrichtung bei Fragen zu Schwangerschaft und im Schwangerschaftskonflikt, bei Lebenskrisen, Partnerschaftsproblemen, Fragen zur Sexualität, zur Familienplanung und Kinderwünschen. 580 Gespräche wurden 2014 geführt.

„Eigentlich war es für die Börnsens schon zu spät. Je eher die Betroffenen kommen, desto eher besteht die Möglichkeit, die Beziehung zu retten. Leider geht der Trend dahin, in letzter Minute einen Termin zu machen“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Urte Kringel. In 21 Berufsjahren hat sie so ziemlich alles erlebt. Vom Mann, der nur noch mal seine „To-Do-Liste“ für die bevorstehende Scheidung durchgehen wollte über das homosexuelle Paar mit Kinderwunsch bis zu Partnern, die nach über 20 Sitzungen endlich wieder zusammenfanden.

„Die meisten können in ihrer Beziehung gar nicht mehr richtig miteinander reden. Entweder sie schweigen sich an, oder sie geraten sofort in Streit“, sagt Thomas Speckmann-Bremer, Sozialpädagoge und seit zwölf Jahren in der Beratungsstelle. Er hat festgestellt, dass viele Themen „immer wieder mal aktuell“ sind. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod, Affären und Armut belasten das Zusammenleben. Manchmal spielen psychische oder körperliche Gewalt eine Rolle. Nicht selten sind Kinder mit betroffen. Bei speziellen Problemen wie etwa Sucht oder Schulden vermitteln die Berater auch weiter an andere Einrichtungen. In Anspruch genommen wird der Service von ganz unterschiedlichen Klienten. „Paare von Anfang 20 sind ebenso dabei wie über 60-Jährige, Patchwork-Familien und zunehmend auch Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Speckmann-Bremer.

Die Berater unterstützen in einer möglichst vertrauensvollen, angstfreien Atmosphäre. „Wir wollen erst einmal den Druck nehmen und begeben uns dann auf die Ursachenforschung für den Konflikt“, sagt Urte Kringel. Ein Lösungsansatz werde immer individuell erarbeitet. Deshalb ist auch eine Bilanz schwierig. Niemand hakt ab, ob ein Paar hinterher wieder zusammenkommt oder nicht. Manchmal gibt es Teilerfolge oder wichtige Entscheidungshilfen. „Es ist immer schön zu hören, wenn wir weiterhelfen konnten“, so Urte Kringel.

Den Börnsens übrigens gelang der Neuanfang. Sie lernten, Unstimmigkeiten zu klären, sich zuzuhören, ausreden zu lassen und auf Empfindungen zu achten und sie zu äußern anstatt sie herunterzuschlucken. Das Paar erwartet jetzt sein erstes Kind.        > Anmeldung unter Tel. 2527190 *Namen geändert


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