Schüler ohne Deutschkenntnisse : „Ohne Sprache fühlt man sich allein“

Aysel (10) ist vor einem Jahr an die Vicelinschule gekommen. Sie kann bereits fließend Deutsch. Mit Lehrerin Katharina Schöne schaut sie sich noch einmal die Bücher an, mit denen sie einst die Begriffe lernte.
Aysel (10) ist vor einem Jahr an die Vicelinschule gekommen. Sie kann bereits fließend Deutsch. Mit Lehrerin Katharina Schöne schaut sie sich noch einmal die Bücher an, mit denen sie einst die Begriffe lernte.

In einem Intensivkursus werden an der Vicelinschule Grundschüler ohne Deutschkenntnisse fit für den Unterricht gemacht.

shz.de von
29. Januar 2015, 06:30 Uhr

Neumünster | „Ich heiße Alex, bin zehn Jahre alt und komme aus Rumänien – und du?“ Der kleine Junge sitzt im Kreis seiner Mitschüler auf dem Fußboden und strahlt seinen Nebenmann an. Oskar (7) neben ihm nennt auch seinen Namen. Und den seiner Mama zählt er auch gleich mit auf. Dafür erntet er ein Lächeln der beiden Lehrerinnen Verena Jöhnk (49) und Katharina Schöne (33). Die beiden Jungen sind zwei von insgesamt 63 Grundschülern, die zurzeit im Daz-Zenrum (Deutsch als Zweitsprache) an der Vicelinschule die hiesige Unterrichtssprache von der Pike auf lernen – bis sie Schritt für Schritt dem Unterricht in den Klassen an ihrer regulären Schule folgen können.

An diesem Tag haben sich gerade zwei Kurse der sogenannten Basisstufe mit ihren Lehrkräften zur morgendlichen Vorstellungsrunde versammelt. Jedes der 24 Kinder gibt die Informationen über sich weiter, die es bereits in den wenigen Wochen in dem Intensivkursus gelernt hat. Einige sind seit Oktober vergangenen Jahres dabei, andere erst seit Dezember. Doch sie haben alle eins gemeinsam: Als sie hierher kamen, konnte sie quasi kein Wort Deutsch.

Wenig später wird die große Gruppe geteilt. Jetzt halten die Lehrerinnen bunte Lernkarten hoch, auf denen unterschiedliche Gegenstände abgebildet sind. Den Kindern macht das Spaß. Rasch wird ein kleiner Wettbewerb daraus. Immer wieder schnellen die Arme in die Höhe: „Pferd!“, ruft ein Junge. Verena Jöhnk reicht das nicht. „Das Pferd“, verbessert sie und nickt dem Kind aufmunternd zu – der Artikel muss schon mit. „Die Wolke!“, „die Sonne“, „das Glas“ – die Worte kommen schon fast von selbst. Kaum einer muss lange überlegen.

„Das ist ein typischer Daz-Raum“, erklärt Martin Schiller, Schulleiter an der Vicelinschule, der selbst auch
immer wieder Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Alle möglichen Gegenstände sind mit kleinen Zetteln
beklebt – „das Fenster“, „die Tür“, „die Wand“ – hier wird alles sofort zum Unterrichtsmaterial.

Viele Hürden nehmen die kleinen Sprachschüler oft durch Musik. „Singen ist enorm wichtig“, weiß Martin Schiller. Deshalb nehmen die Kinder auch sehr schnell wieder am Musikunterricht in ihrer regulären Klasse teil.

Rund ein halbes Jahr brauchen die Kinder im Durchschnitt, bis sie vorsichtig erste Sätze in der für sie fremden Sprache bilden. Deshalb ist es nur verständlich, wenn zwei kleine Bulgaren zwischen den Fragen der Lehrerinnen mal die Köpfe zusammenstecken und in ihrer Muttersprache tuscheln und lachen. „Das gehört dazu“, wissen die Pädagogen. Sie halten überhaupt nichts davon, wenn die Muttersprache aus dem Alltag der Schüler verdammt wird, so wie es einige Stammtisch-Diskussionen immer wieder fordern. „Das wäre kontraproduktiv. „Die Erstsprache ist wichtig und muss gepflegt werden. Denn aus der Muttersprache leiten die Kinder grammatikalisch letztendlich viel ab“, erklärt Angelika Neth, Kreisfachberaterin für Daz. Oft machen sie und ihre Kollegen den Kindern Mut, indem sie sich von ihnen Begriffe ihrer Herkunftssprachen beibringen lassen. „Dann merken sie, dass uns die richtige Aussprache gar nicht leicht fällt und dass Schwierigkeiten beim Lernen einer Sprache ganz normal sind. Problematisch wird es jedoch, wenn die Familien der Schüler sich sprachlich abschotten. „Wenn die Eltern keine deutschen Sprachsituationen im Sportverein, auf dem Spielplatz oder in der Nachbarschaft suchen, haben es die Kinder enorm schwer“, erzählt Angelika Neth.

Aysel (10) hatte da Glück – und das machte sich bezahlt. Die junge Bulgarin kam im vergangenen Jahr zu Martin Schiller an die Schule und gleich in seinen Deutsch-Intensivkursus. Nach nur einem halben Jahr sprach sie die ihre bis dato fremde Sprache frei und half den Kindern, die es nicht so leicht hatten. Mittlerweile sprudeln die Worte aus dem pfiffigen Mädchen nur so heraus. Geholfen haben ihr außer dem Daz-Zentrum ihr Onkel und ihre kleine Schwester. „Mein Onkel ist schon seit vielen Jahren hier. Der hat mit mir geübt. Und meine Schwester kam auch vor mir nach Deutschland und konnte schon ganz viel aus dem Kindergarten“, erzählt Aysel.

An ihre ersten sprachlosen Tage in der Schule kann sie sich noch gut erinnern. „Das war gar nicht gut, nichts zu verstehen. Da habe ich mich irgendwie allein gefühlt“, sagt sie. Aysel ist jetzt in der vierten Klasse und eine begabte Schülerin. Demnächst muss sie sich für eine weiterführende Schule entscheiden. Später möchte sie einmal Lehrerin werden. Ihr Lehrer sagt: „Das passt.“

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