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Junge Flüchtlinge : Ohne Eltern auf der Flucht vor dem Krieg

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Immer mehr unbegleitete Jugendliche stranden in Neumünster.

von
erstellt am 12.Sep.2014 | 06:30 Uhr

Neumünster | Plötzlich stehen sie vor der zentralen Landesunterkunft für Flüchtlinge am Haart. Oder sie werden im Zug auf dem Weg nach Skandinavien aufgegriffen oder eingepfercht in Transportern auf der Autobahn von der Polizei entdeckt. Sie haben nur ein paar Habseligkeiten dabei. Sie sind allein. Ohne Eltern. Meist sind es Jungs, noch keine 18 Jahre alt. Und es werden immer mehr.

Während 2009 nur vier Jugendliche im Jahr in der Stadt auftauchten und blieben, waren es 2010 nach der Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung in Lübeck bereits 35. 2011 bis 2013 kamen jeweils rund 70 Jungen in Neumünster unter. Diese Zahl wurde in diesem Jahr bereits nach einem halben Jahr erreicht.

Jörg Hellberg (60), Fachdienstleiter Allgemeine soziale Dienste (ASD), ist besorgt über diese Entwicklung. Er kennt die meist traumatischen Schicksale der Jungen, aber auch die Zahlen und die nahezu ausgereizten Kapazitäten der Stadt. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, so der korrekt Terminus im Amtsdeutsch, sind in der Regel 16 oder 17 Jahre alt, manchmal auch erst 14, wenn sie in Neumünster stranden. Sie kommen häufig aus den umkämpften Krisenregionen, die meisten aus Afghanistan (53) und Syrien (21), aber auch aus Serbien oder afrikanischen Ländern wie Somalia. Insgesamt kümmert sich die Stadt zurzeit mit Hilfe von mehreren freien Trägern um Jugendliche aus 21 Nationen.

„Die Familien haben sich entschieden, die Jungen auf die Reise zu schicken. Sie fürchten zumeist die Zwangsrekrutierung durch Bürgerkriegsparteien. Oft ist bereits der Vater oder ein älterer Bruder zu Schaden gekommen oder getötet worden. Rund die Hälfte der jungen Flüchtlinge ist traumatisiert“, erläutert der ASD-Leiter. Nahezu alle Jugendlichen wurden geschleust und wollten nach Skandinavien. Denn die nördlichen Länder gelten als liberale Anlaufstellen. Sind die Jugendlichen jedoch erst einmal hier, bleiben rund 65 Prozent von ihnen in Neumünster. „Die anderen machen sich wieder auf gen Norden“, so Hellberg.

Taucht ein jugendlicher Flüchtling allein in der Stadt auf, melden sich die Zentralunterkunft oder die Polizei bei der Rufbereitschaft des ASD – auch mitten in der Nacht. Als erster Schritt erfolgt die sogenannte Inobhutnahme. Das heißt: Der Junge bekommt erst einmal bis zu drei Monate eine vorübergehende Bleibe. Dabei arbeitet die Stadt mit diversen Trägern zusammen. Der größte ist die gemeinnützige Jugendhilfeeinrichtung Iuvo, ein Ableger der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie. Für die erste Station stehen zurzeit 25 Plätze zu Verfügung. In dieser Phase stehen ärztliche Untersuchungen an, wobei besonders die psychische Verfassung genau begutachtet wird. Die Jugendlichen bekommen Kleidung. Außerdem wird nach Angehörigen in Europa geforscht. In intensiven Gesprächen machen sich Mitarbeiter der Träger ein Bild des Jungen, fragen nach dem Kulturkreis, dem Schicksal in den Kriegswirren oder nach der Religion. Und sie helfen bei den anfallenden Formalitäten.

Auch wenn bei wichtigen Fragen ein Dolmetscher zur Seite steht, versuchen die Verantwortlichen, ihre Schützlinge schnell im Sprachunterricht und in der Schule unterzubringen. Oft rennen sie offene Türen ein. „Bildung steht hoch im Kurs“, weiß der ASD-Leiter. Manch junger Flüchtling macht schnell einen Schulabschluss und eine Lehre (siehe nebenstehenden Text). Doch es gibt auch diejenigen, die so traumatisiert sind, dass Depressionen und Suizidgedanken wenig Kraft für Zukunftspläne lassen.

Nach der ersten Inobhutnahme folgt in der Regel bald ein Umzug in eine betreute Wohngruppe. Werden die Jungen selbstständiger, ziehen sie in kleinere Wohngemeinschaften und irgendwann in eine eigene Wohnung. Die Iuvo hat laut Bereichsleiter Volker Rüge zurzeit Wohnraum in der Innenstadt, der Gartenstadt und in Tungendorf. Zurzeit sind 45 Plätze belegt. Damit ist die Grenze schon fast erreicht. Ziel der Stadt und der Jugendhilfeeinrichtungen ist es, die Flüchtlinge nach und nach auf ein eigenverantwortliches Leben vorzubereiten. Wer Glück hat, bekommt zusätzlich einen ehrenamtlichen Paten, der mit Rat und Tat oft über Jahre hilft.

Finanziert wird der Aufenthalt der jungen Flüchtlinge über einen bundesweiten Schlüssel. Dabei wird irgendein Kreis in Deutschland, ermittelt nach einer Liste, zum Kostenträger. Dieses System schafft zwar laut ASD-Leiter eine gewisse Gerechtigkeit, dennoch bleibt Neumünster allein durch die organisatorischen Aufgaben besonders belastet. Denn in der Zentralunterkunft, am Bahnhof oder auf der Autobahn stranden nun einmal überdurchschnittlich viele Flüchtlinge. Nur Ostholstein und der Raum Flensburg haben im Land ein ähnliches Problem, weil dort viele Jungen auf dem Weg nach Skandinavien scheitern. „Auch wenn hier alle Verantwortlichen hoch motiviert sind, so sind doch langsam die Kapazitäten erreicht“, sagt Jörg Hellberg. Dass der Strom der einsamen Flüchtlingsjungen bald abreißt, wagt er nicht zu hoffen. Im Gegenteil: Die Nachrichten von den weltweiten Krisenherden lassen Schlimmes befürchten.

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