PFlegenotstand am FEK : Nur sechs Minuten pro Tag für die Pflege

Luxus nur fürs Foto: In der Regel sieht Patient Stefan Voß am Tag nur eine der beiden examinierten Krankenschwestern Lisa Grimm (links) und Dörte Fischer. Für die Pflege bleibt auf der Unfallchirurgie-Station – wie auf den anderen Stationen auch – immer weniger Zeit.
Luxus nur fürs Foto: In der Regel sieht Patient Stefan Voß am Tag nur eine der beiden examinierten Krankenschwestern Lisa Grimm (links) und Dörte Fischer. Für die Pflege bleibt auf der Unfallchirurgie-Station – wie auf den anderen Stationen auch – immer weniger Zeit.

Die Krankenschwestern Dörte Fischer (48) und Lisa Grimm (23) berichten von ihrem Alltag im FEK. Die Patienten werden immer aggressiver.

shz.de von
30. Juni 2015, 05:15 Uhr

Neumünster | Das Wort „eigentlich“ fällt im Gespräch besonders häufig. Eigentlich mögen Dörte Fischer (48) und Lisa Grimm (23) ihren Beruf als Krankenschwester in der Unfallchirurgie, nein, sie lieben ihn sogar. Eigentlich sind sie mit Leib und Seele dabei. Eigentlich wollen und sollen sie die Patienten angemessen pflegen und versorgen. Und eigentlich auch noch den Nachwuchs einweisen und die gesamte Arbeit akribisch dokumentieren. Der Alltag auf den Stationen 31 und 32 im Friedrich-Ebert-Krankenhaus sieht aber anders aus – ganz anders.

Es gibt drei klar begrenzte Schichten: von 6 bis 14.12 Uhr, von 13.30 bis 21.12 Uhr und von 21 bis 6.15 Uhr. Eigentlich. Doch wenn Dörte Fischer morgens schon feststellt, dass wegen Krankheit, Urlaub oder einfach wegen des Personalmangels nur zwei statt der vorgesehenen drei examinierten Kräfte im Dienstplan eingeplant sind, weiß sie: Es wird mal wieder besonders stressig. Und vor 15.30 Uhr ist sie kaum draußen.

53 Betten muss die Fachfrau mit über 30 Jahren Berufserfahrung dann mit einem Kollegen, einigen Azubis und – wenn es gut läuft – ein paar Praktikanten betreuen. In der Regel sind alle Betten belegt. „Die Patienten werden immer älter, schwerer und haben meist nicht mehr nur eine Krankheit“, fasst Dörte Fischer die wichtigsten Probleme zusammen. Die Pflege, das Umbetten oder einfach nur das Aufrichten im Bett werden zur körperlichen Belastung. Hinzu kommt, dass der Anspruch der Patienten und der Angehörigen in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist. Die Notfall-Klingel wird auch gerne mal benutzt, um einfach nur Bescheid zu sagen, dass das Fenster geschlossen werden kann. „Das kostet dann wertvolle Zeit, die bei einem anderen Patienten verloren geht“, sagt Dörte Fischer. Auf Verständnis darf sie nur selten hoffen, im Gegenteil: Immer mehr Patienten werden aggressiv, manche sogar handgreiflich, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Fischer: „Es gab Situationen, die regelrecht eskaliert sind.“

Gerade einmal sechs Minuten, so schätzt sie, hat sie an einem solchen Tag für jeden Patienten zur Verfügung. In dieser Zeit muss sie ihn waschen und medizinisch versorgen, ihm beim Essen helfen und ihn auch noch motivieren. Doch selbst diese sogenannte Grundpflege ist dann nicht zu schaffen. Die Patienten müssen sich mit der abgespeckten Version, auch „kleine Grundpflege“ genannt, zufrieden geben: Gesicht und Hände sowie Intimbereich werden abgewischt. Das Eincremen und Umbetten entfällt. Mit einem Schrittzähler hat Dörte Fischer festgestellt, dass sie über neun Kilometer an so einem Tag läuft. „Das spart zwar das Fitness-Studio, aber abends falle ich sofort ins Bett.“

Auch Lisa Grimm weiß längst, dass der Alltag ganz anders aussieht, als sie noch vor kurzem in der Pflegeschule gelernt hat. „Da sind wir davon ausgegangen, dass wir zwei Patienten zu betreuen haben und sollten auf jede Kleinigkeit achten“, sagt die 23-Jährige, die seit Januar nach ihrer Ausbildung in der Unfallchirurgie arbeitet. Ihr ist bewusst, dass sie deutlich weniger verdient als ihre Freundin, die bei der Bank einen geregelten 8-Stunden-Job mit Pausen und deutlich weniger Verantwortung hat. „Aber ich habe mir das ja ausgesucht, weil ich Menschen helfen wollte. Doch irgendwie komme ich nicht dazu. Das deprimiert mich oft.“ Schon das einfache „Danke“ einer dementen Patientin oder der freundliche Blick des älteren Herrn helfen ihr dann, über den Tag zu kommen. Und sie ärgert sich: „Es bleibt so gut wie keine Zeit für Fortbildungen.“

Gestern informierten Betriebsrat, Geschäftsführung und die Klinikleitungen Patienten und Angehörige vor dem FEK über den Pflegenotstand. Unter dem Motto „Frag doch mal den Gröhe“ (gemeint ist Gesundheitsminister Hermann Gröhe, CSU) sammelten sie Fragen, die im Sommer an den Minister übergeben werden sollen.

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