Flüchtlinge : NPD kam nicht zur eigenen Demonstration

Volksfeststimmung am Pestalozziweg: Gut 150 Menschen waren spontan zur Schule gekommen, brachten Essen mit und veranstalteten gemeinsam mit einigen Flüchtlingen aus der Gemeinschaftsschule ein friedliches Picknick.
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Volksfeststimmung am Pestalozziweg: Gut 150 Menschen waren spontan zur Schule gekommen, brachten Essen mit und veranstalteten gemeinsam mit einigen Flüchtlingen aus der Gemeinschaftsschule ein friedliches Picknick.

Gut 150 Menschen versammelten sich am Sonnabend spontan vor der Gemeinschaftsschule Brachenfeld und picknickten. Neonazis tauchten nicht auf.

shz.de von
20. Juli 2015, 08:30 Uhr

Neumünster | Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) hatte für Sonnabend eine Kundgebung vor der Gemeinschaftsschule Brachenfeld angemeldet. Sie wollten gegen die Flüchtlinge demonstrieren, die seit einer Woche in der Sporthalle der Schule untergebracht sind. Diese Nachricht verbreitete sich auch in den sozialen Netzwerken und rief Gegner auf den Plan. „Wir wollten eine Gegenkundgebung anmelden. Die Frist von 48 Stunden war dafür aber leider schon abgelaufen“, erzählte Henning Möbius vom Runden Tisch für Toleranz und Zivilcourage.

Das hielt aber viele Neumünsteraner nicht davon ab, trotzdem zur Schule zu gehen. Mit mitgebrachtem Essen veranstalteten sie vor der Schule ein Picknick – spontan und natürlich rein zufällig. Eine Musikgruppe aus Hamburg, die von der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde organisiert wurde, spielte arabische Klänge, zu denen die Menschen tanzten. „Wichtig ist, dass die Flüchtlinge von der Demo nichts mitbekommen“, sagte Möbius.

Auf der anderen Seite des Pestalozziwegs an der Plöner Straße bot sich ein anderes Bild, denn hier wurden die rechten Kundgebungsteilnehmer erwartet. Die Polizei bezog Stellung, ebenso zahlreiche Gegner, darunter Mitglieder der Antifa aus Kiel. Und auch die Stadtverwaltung zeigte geschlossen Flagge ge-gen rechts: Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras, die Stadträte Günter Humpe-Waßmuth und Oliver Dörflinger sowie die Landtagsabgeordnete Kirsten Eickhoff-Weber und einige Ratsleute waren zur Schule gekommen. Auch Innenminister Studt schaute vorbei. „Die NPD hat für die Kundgebung 8 bis 30 Teilnehmer angemeldet“, sagte Stephan Beitz, Sprecher der Stadt.

Für Ratsherr Jonny Griese (Die Linke) war die Kundgebung ein Unding. „Das ist reine Hetze gegen die Notunterkunft. Ich bin erschüttert, dass die Kundgebung an diesem Ort genehmigt wurde“, sagte er. Die Stadt hatte aber rechtlich keine Chance auf Ablehnung.

Um 10.40 Uhr war der Spuk schließlich vorbei. Weil sich bis dato niemand von der NPD blicken ließ, fragte Stadtsprecher Stephan Beitz telefonisch beim Anmelder nach und kam dann mit der Nachricht zurück: „Er hat die Kundgebung abgesagt, weil er nicht genug Leute zusammenbekommen hat.“

Die zahlreichen Menschen vor der Gemeinschaftsschule Brachenfeld quittierten das mit erleichtertem Applaus. Dann löste sich die Veranstaltung langsam auf.

Kommentar von Thorsten Geil:

Clever ist was anderes. 2012 stiegen die Kader der NPD in Neumünster am falschen Bahnhof aus, was ihnen eine sofortige Auflösung ihrer Demonstration einbrachte; 105 Neonazis verbrachten ein paar Stunden auf der Polizeiwache. 2013 kamen die Nationaldemokraten zu spät zu ihrer eigenen Veranstaltung, die daraufhin ebenfalls von den Behörden beendet wurde, bevor sie angefangen hatte. Und am Sonnabend betraten die 8 bis 30 angemeldeten Personen lieber gar nicht erst ihre Bühne  vor der  Gemeinschaftsschule. Man sollte der NPD eine fette Rechnung für den Einsatz schicken: Ein Minister, ein OB, zwei Stadträte und viele mehr waren im Einsatz – und die Polizisten wären am Sonnabend auch lieber bei ihren Familien gewesen.

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