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Lesung : Norbert Blüm machte Scherze über Diktatoren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Eindrucksvolle Lesung des Ex-Ministers im Alten Stahlwerk

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2015 | 07:15 Uhr

Neumünster | „Die Rente ist sicher!“ Ihn auf diesen einen Satz zu reduzieren, wird dem Mann bei weitem nicht gerecht. Norbert Blüm (79) hat mehr zu sagen. Am Freitagabend war der ehemalige CDU-Politiker zu Gast im Hotel „Altes Stahlwerk“. Rund 100 Besuchern gewährte er zwei Stunden lang Einblicke in die Hinterzimmer der Politik; er beeindruckte sie mit Geschichten aus seiner Kindheit und erzählte Witze über Despoten und Diktatoren.

Auch im hohen Alter hat Blüm nichts von seiner farbigen Erzählweise verloren. Er kann sich immer noch wortgewaltig über die Ungerechtigkeiten dieser Welt ereifern – etwa wenn er von seiner Begegnung mit dem inzwischen verstorbenen Ex-Diktator Augusto Pinochet in der chilenischen Hauptstadt Santiago berichtet. „Mit keinem Argument der Welt lässt sich Folter rechtfertigen“, sagte Blüm. Das sei seine feste Überzeugung, und die habe er auch Pinochet mitgeteilt. „Wir haben uns sofort lauthals gestritten. Als ich dann noch die Verwandten von politischen Häftlingen in die Botschaft einlud, hatte es mit dem lieben Frieden ein Ende. Beim abendlichen Festessen machten die Wirtschaftsvertreter keinen Hehl daraus, dass ich ihrer Meinung nach die Beziehungen zwischen Deutschland und Chile empfindlich störe“, erinnerte sich der gebürtige Rüsselsheimer.

Selbst Jahre später, Pinochet war längst nicht mehr an der Macht, wurde Blüm bei einem Besuch in der chilenischen Industrie- und Handelskammer nicht wie die anderen Delegierten aufs Podium gesetzt. Als einzigem wurde ihm ein Platz vor der Tür zu den sanitären Anlagen zugewiesen. „Die haben wohl gedacht, ich würde protestieren“, grinste Blüm. Aber das tat er nicht. Stattdessen freute er sich diebisch über das große Interesse der Journalisten an seinem exponierten Platz: „Die hatten sich ein klassisches Eigentor geschossen“, feixte der Autor vieler Bücher.

Sein soziales Gewissen haben ihn die Eltern und seine Großmutter Babette gelehrt. Deren Leben zeichnete Blüm vor seinen Gästen liebevoll nach. Bis heute, 17 Jahre nach seinem Ausscheiden als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, ist der gelernte Werkzeugmacher und studierte Philosoph ein großer Kämpfer für die Menschenrechte geblieben. Darum ließ er es sich aus gegebenem Anlass – „vier Tage nach Blatter“ – auch nicht nehmen, die Fußball-WM 2022 in Katar zu kritisieren. „Franz Beckenbauer sagt, er habe keine Sklaven in Katar gesehen. Ich schon. Nicht in der Hotelbar, aber auf der Baustelle. Unter dem Deckmantel der FIFA findet Menschenhandel statt“, empörte er sich.

Norbert Blüm ist ein Mensch mit Botschaften. Am Freitagabend spürte man: Da vorne sitzt einer, der ist überzeugt von dem, was er sagt.

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