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Akute Raumnot : Neumünsters Polizei platzt aus allen Nähten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Kriminalpolizei und die Beamten des 1. Reviers arbeiten bereits seit mehr als vier Jahren in einem Provisorium und haben keinen Platz für neue Kollegen.

shz.de von
erstellt am 20.Sep.2015 | 10:00 Uhr

Neumünster | Am Standort der Polizei in der Alemannenstraße wird die Raumnot immer größer. Insbesondere die Kriminalpolizei weiß nicht mehr, wo die Kollegen überhaupt sitzen sollen. Abhilfe ist nicht in Sicht. Der versprochene Neubau ist erst einmal verschoben worden – aus finanziellen Gründen. Auch die Beamten vom 1. Revier müssen seit Jahren ein Provisorium hinnehmen.

Eine eigentlich positive Entwicklung bringt das Fass demnächst zum Überlaufen: Ab Ende des Jahres soll die hiesige Kriminalinspektion nach Auskunft von Ulrich Bahr, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GDP), Regionalgruppe Schleswig-Holstein Mitte, nämlich sieben weitere Kollegen für sogenannte besonders komplexe Ermittlungen bekommen.

Die Verstärkung soll sich zum Beispiel um Bandenstrukturen oder Hintermänner im Drogenmilieu kümmern. Auch wenn die neuen Kriminalisten dringend gebraucht werden, so „wissen wir einfach nicht, was wir machen sollen, wenn die Kollegen kommen“, so Bahr. „Wir haben keinen Raum, keinen Schreibtisch und keinen Computer mehr. Wir können die doch nicht wieder wegschicken“, meinen der GDP–Vorsitzende und Juliane Bohrer, Leiterin der Kripo.

Auch ohne den Zuwachs sind die Gegebenheiten für die 43 Mitarbeiter an dem bereits völlig überfüllten Standort schon seit vier Jahren extrem schwierig. Im Frühjahr 2011 flohen die Beamten der Kripo mit den Kollegen des 1. Polizeireviers Hals über Kopf vor Baumängeln, Schimmel und Kolibakterien vom Standort an der Parkstraße in ein Gebäude an der Alemannenstraße, das bis dato für Fortbildungen genutzt wurde (der Courier berichtete). „Seitdem ist das Sachgebiet der Kripo in völlig beengten Räumen untergebracht. Manche Büros sind eher Besenkammern“, beschreibt Bahr die Situation.

Ein leitender Ermittler muss in seinem Zwölf-Quadratmeter-Büro die Postverteilung beherbergen und auf engstem Raum Besprechungen mit oft mehreren Kollegen abhalten, wenn mal etwas hinter verschlossener Tür diskutiert werden muss. Denn es gibt weder Sozialraum noch Besprechungszimmer.

Stattdessen müssen größere Sitzungen am Ende des Flures abgehalten werden. Dort gibt es zwar keine Stühle, aber wenigstens eine Kaffeemaschine. In manchen Büros befinden sich Arbeitsplätze, für die an anderen Standorten drei Räume zur Verfügung stehen. „Die Kollegen wurden über die gesamte Liegenschaft und alle Stockwerke verteilt,“ erläutert die Kripo-Chefin.

Der Erkennungsdienst residiert im Keller. Für Menschen, die aus Gewaltregimen kommen und in ihrem Land traumatische Erfahrungen mit der Polizei hatten, ist der Gang in den Keller kaum zu machen.

Ein weiteres Manko: Laut Juliane Bohrer ist in der beengten Raumsituation die Ausbildung von Nachwuchsermittlern nicht mehr möglich. „Die Kriminalitätslage wäre interessant, aber wir müssen die jungen Kollegen auf andere Dienststellen verteilen“, bedauert die Leiterin.

Die 53 Mitarbeiter des 1. Reviers haben es nicht viel besser. Ihnen fehlen seit vier Jahren unter anderem die Gewahrsamszellen. Seit dem Umzug bindet jede Gewahrsamnahme Personal. Denn die nächsten Zellen sind in Rendsburg und Kiel. Deshalb müssen stets zwei Beamte den Festgenommenen mit dem Auto dorthin fahren.

Seit Frühjahr 2014 arbeiten die Polizisten des Wachdienstes in einem Container. Grund für die Ausquartierung war der Beginn des ersten Bauabschnitts. Der Erweiterungsbau sollte unter anderem die Gewahrsamszellen bringen. Doch die Sache verzögert sich laut Bahr wegen bürokratischer Probleme. „Eigentlich sollte der Teil im Dezember fertig sein. Jetzt wurde das Ende des ersten Bauabschnitts auf Frühjahr 2016 verschoben.

Für die Kripo hingegen ist keine Besserung in Sicht. Denn der geplante zweite Bauabschnitt, der ein neues Gebäude für die Mitarbeiter auf dem Parkplatz hinter dem 1. Revier vorsah, ist in weite Ferne gerückt. „Er wurde aus finanziellem Gründen vom Innenministerium zur neuen Prüfung im Jahr 2020 gelegt“, berichtet Bahr. Wie dann entschieden wird und ob beziehungsweise wann das Projekt tatsächlich umgesetzt wird, steht noch in den Sternen.

„Die räumlichen Gegebenheiten wurden vor vier Jahren beim Einzug als absolutes Provisorium gehandelt und von allen Kollegen bereitwillig mitgetragen“, sagt der GDP-Mann. Deshalb sind die Beamten besonders enttäuscht vom Rückzieher des Ministeriums. „Hier wünschen sich viele eine deutlichere Positionierung von Innenminister Stefan Studt gegenüber der Finanzministerin. Doch irgendwie hat der auch keine Lösung“, so Bahr.

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