Olympiastützpunkt in Hamburg : Neumünsteraner soll Mitschüler gequält haben – Vater streitet alles ab

<p>Der Olympiastützpunkt im Hamburger Stadtteil Dulsberg.</p>

Der Olympiastützpunkt im Hamburger Stadtteil Dulsberg.

Es geht um „Nippeltwister“, Demütigungen und Freiheitsberaubung – oder doch viel mehr? Es gibt offene Fragen.

shz.de von
02. März 2017, 20:16 Uhr

Hamburg/Neumünster | Hat es am Olympiastützpunkt Hamburg einen Skandal mit monatelangen Demütigungen und Misshandlungen gegeben? Die Familie eines Beschuldigten sagt: Nein. Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass die Kieler Staatsanwaltschaft in dem Fall ermittelt. Junge Sportler, die bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio Vorbild für ihre Generation sein sollen, werden verdächtigt, einen 14 Jahre alten Nachwuchsathleten über Monate misshandelt und gedemütigt zu haben.

Einer der beiden Beschuldigten ist der Badminton-Sportler (19) aus Neumünster, mehrfacher deutscher Meister. Im Gespräch mit shz.de erklärte die Familie, die Vorwürfe seien haltlos. „Unser Rechtsanwalt hat Beweise für die Unschuld meines Sohnes gesammelt“, erklärte der Vater. Es sind Aussagen, in denen Zeugen unter anderem erklären, dass das vermeintliche Opfer während der fraglichen Zeit im Internat nicht einen einzigen blauen Fleck gehabt habe.

Dagegen steht die Aussage des Opfers. Der 14 Jahre alte Junge, ebenfalls ein Badminton-Sportler, soll sich nach Monaten des Matyriums seinen Eltern anvertraut haben. Er berichtete ihnen von einer Vielzahl von Vorfällen. Die Mutter erstattete Anzeige.

Was ist die Wahrheit? Das muss nun ermittelt werden. Weil einer der Beschuldigten zur Tatzeit noch Jugendlicher war, der zweite ein Heranwachsender, sind die für ihre Wohnorte zuständigen Staatsanwaltschaften tätig geworden und nicht die Staatsanwaltschaft des mutmaßlichen Tatorts in Hamburg.

Die Staatsanwaltschaft Kiel hat wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung Anklage gegen den 19 Jahre alten Badminton-Sportler beim Amtsgericht Neumünster erhoben. „Von den Vorwürfen haben sich drei Taten konkretisierten lassen“, erklärte Behördensprecher Axel Bieler. Welche das sind, dazu schweigt er.

Nach Informationen von shz.de soll es sich bei der Körperverletzung um die sogenannten „Nippeltwister“ handeln. Während eines Fragespiels sollen die Beschuldigten dem Opfer bei falschen Antworten mit Gewalt die Brustwarzen verdreht haben. Bei der Freiheitsberaubung soll das Opfer in einen Pappkarton gesteckt worden sein, der anschließend zugeklebt wurde. Und bei der Nötigung soll der Junge gezwungen worden sein, sich im Schnee zu rollen, wenn er keine Schläge kassieren wollte.

Zweiter mutmaßlicher Täter kommt aus Bad Oldesloe

Gegen den Schwimmer aus Bad Oldesloe - den zweiten mutmaßlichen Täter – nennt die Staatsanwaltschaft Lübeck nur Körperverletzung als Grund für ihr Verfahren. Sprecherin Ulla Hingst: „Unsere Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Da sie unter das Jugendstrafrecht fallen, geben wir keine weiteren Presseauskünfte.“

Rechtsanwalt Thies Ihde vertritt den Badminton-Spieler aus Neumünster. Er sagte zur Anklage der Staatsanwaltschaft: „Die Sportler haben zusammen trainiert und geduscht, weder einem der Sportler noch einem Trainer sind dabei Hämatome beim Opfer aufgefallen, die auf Misshandlungen schließen lassen.“ In den Pappkarton, der zu einer Musikanlage gehörte, die aufgebaut worden war, sei das vermeintliche Opfer freiwillig gestiegen. „Das war ein Jungen-Spaß, bei dem Fotos gemacht wurden. Darauf lachen alle.“ Und das Rollen im Schnee? „Dazu wurde niemand gezwungen. Wenn die Staatsanwaltschaft das für juristisch relevant hält, muss sie jede Schneeballschlacht auf dem Schulhof anklagen.“

Neuer Verhaltenskodex im Olympiastützpunkt

Irritierend allerdings: Der Olympiastützpunkt hat mittlerweile einen neuen Verhaltenskodex ausgegeben. Darin heißt es unter anderem, Auspeitschungen, Fesselungen, Einsperrungen, Schläge oder körperlicher Missbrauch aller Art seien verboten. Ein Ermittler sagt: „An der Schule scheint etwas gehörig aus dem Ruder gelaufen zu sein, die Anklage ist wohl nur die Spitze des Eisbergs.“

Der beschuldigte Schwimmer trainiert mittlerweile wieder im Olympiastützpunkt. „Darauf haben wir keinen Einfluss“, erklärte Leiterin Ingrid Unkelbach. „Für die Trainingsgruppe ist der Deutsche Schwimmverband zuständig, und der hat den Beschuldigten nicht suspendiert. Der junge Mann darf sich dem Opfer, das dort ebenfalls weiter trainiert, aber nicht mehr nähern. Und er wohnt auch nicht mehr im Internat. Der Badminton-Spieler trainiert jetzt in Saarbrücken. Das Angebot habe er bereits im November bekommen, heißt es von seinen Familie. Er habe auch seinen Bundeskaderstatus wieder, die Sponsoren stünden voll hinter ihm. „Die kennen nämlich alle Fakten.“

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