Fussball-WM : Neumünsteraner erzählen: Mein erster WM-Titel

Die Kleinen nach vorn, die Großen nach hinten: Bei „Radio Hermann“ im Haart drängeln sich während der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 die Menschen, um einen Blick auf den Fernseher im Schaufenster zu erhaschen.
Die Kleinen nach vorn, die Großen nach hinten: Bei „Radio Hermann“ im Haart drängeln sich während der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 die Menschen, um einen Blick auf den Fernseher im Schaufenster zu erhaschen.

Die meisten Menschen können sich ihr Leben lang daran erinnern, wie und wo sie den ersten Weltmeistertitel gefeiert haben .

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11. Juli 2014, 05:30 Uhr

Neumünster | Drei Weltmeisterschaften haben deutsche Fußballnationalmannschaften schon gewonnen – und am Sonntag sollen Thomas Müller & Co endlich den vierten Stern auf dem Trikot holen. Ganz Deutschland, ganz Neumünster spricht kaum noch über ein anderes Thema.

Die meisten Menschen können sich ihr Leben lang daran erinnern, wie und wo sie den ersten Weltmeistertitel gefeiert haben – sei es 1954 beim „Wunder von Bern“, 1974 im Drama von München oder 1990 in der Nacht von Rom. Die Courier-Redaktion hat ein paar Neumünsteraner aus verschiedenen Generationen gefragt, wie das damals war, als sie zum ersten Mal Weltmeister wurden.

Andreas Mundt (53), Gärtnermeister und seit 25 Jahren überzeugter HSV-Fan, kann sich noch  sehr gut an das legendäre Endspiel 1974 erinnern:

Als 13-Jähriger hat er das  Spiel mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft, Kuchen und  Kakao im Wohnzimmer seiner Eltern verfolgt. „Das weiß ich noch genau:. Wir haben uns am frühen Nachmittag auf dem Hof unserer Gärtnerei getroffen und uns beim Bolzen auf das Match eingestimmt. Nicht zu doll, denn bei früheren   ‚Testspielen‘ waren da auch schon mal  ein paar Scheiben des Gewächshauses zu Bruch gegangen! Mutter hat uns Kakao und Kuchen serviert, bevor das Spiel angepfiffen wurde. Die beiden Tore  zum 1 : 1 hab’ ich nicht mehr so genau im Kopf. Dafür hat sich das  Müller-Tor  wie ein Film in mein Gedächtnis eingebrannt: Aus der Drehung, eine kurze Körpertäuschung  und drin war er, bevor das irgend jemand auch nur begriffen hatte – das war sagenhaft! Trotzdem war und blieb mein Lieblingsspieler ganz klar Franz Beckenbauer. Seine souveräne Art, ein Spiel zu dirigieren, das war wirklich kaiserlich    – jeder zweite Fußballjunge in meinen Alter wollte damals wie er sein. Auch als Teamchef hat er mich später tief beeindruckt. Ich erinnere mich noch gut an das  Bild, als er unmittelbar nach dem deutschen Sieg der WM 1990 in Rom völlig allein und in sich versunken  über das Spielfeld wandelte  – ein Gänsehautmoment für  jeden echten Fußballfan in diesem Land.“

Christian Hansen (76) ist gebürtiger Neumünsteraner und hat viele Jahre die Standortverwaltung in Neumünster geleitet:

„1954 war ich  16-jähriger Schüler und wohnte mit meinem jüngeren Bruder noch bei den Eltern in der Werderstraße. Wir gehörten damals nicht zu den Familien, die einen eigenen Fernseher hatten. Aber wir hatten ein gutes Radio, einen Weltempfänger, und vor dem haben mein Bruder und ich das Endspiel verfolgt. Das war enorm spannend, und natürlich haben wir nach dem Abpfiff gejubelt.  Aber groß gefeiert wurde damals nicht, und es zog auch niemand auf den Großflecken. Damals war alles ein bisschen ruhiger als heute, es  waren ganz andere Zeiten. Das kann man nicht mehr vergleichen. Aber unheimlich stolz waren wir auf unsere Weltmeisterschaft natürlich auch!“

Kaufmann Gerd Grümmer (54) ist 2. Vorsitzender des VfR Neumünster und Mitausrichter des Public Viewings in der Holstenhalle. Seinen ersten WM-Titel erlebte er 1974:

„Meine Eltern waren mit meiner Schwester im Urlaub. Ich saß am 7. Juli 1974 mit Oma ganz allein vor dem Fernseher – schon in Farbe  – und habe den Titel gefeiert. Für mich als jungen Fußballer in der C-Jugend des VfR war das natürlich das Größte. Die Mannschaftsaufstellung kann ich heute noch so runterbeten: Sepp Maier, Berti Vogts, Paul Breitner, Georg ,Katsche‘ Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Rainer Bonhof, Uli Hoeneß, Wolfgang Overath, Jürgen Grabowski, Bomber Gerd Müller und Bernd Hölzenbein. Für einen jungen Bengel wie mich waren das Helden. Die Dramatik des Spiels war unbeschreibbar. Ich freue mich jetzt ganz riesig auf das Finale gegen Argentinien und tippe auf ein 3:1 oder 4:1. Schon zum Halbfinale gegen Brasilien hatte ich 3:0 für Deutschland getippt und wurde dafür belächelt.“

Antje Klein (71) ist Vorsitzende des Stadtteilbeirats Mitte. An den ersten WM-Titel 1954 erinnert sie sich noch gut.

„In Süderholm bei Heide fand an diesem Tag das große Vogelschießen statt. Es gab drei Jungs, die sich darum stritten, mit mir tanzen zu dürfen. Doch plötzlich waren sie verschwunden. Ich entdeckte sie schließlich in einer Gastwirtschaft vor dem Radio. Ich wusste damals gar nicht, dass das Endspiel an diesem Tag stattfindet und habe mich rasend gefreut, die Übertragung anhören zu können. Alle waren  angespannt und aufgeregt. Noch heute habe ich die Stimme des Kommentators Herbert Zimmermann im Ohr. Nach dem Sieg war die Stimmung natürlich klasse, da wurde richtig gefeiert. Das Finale am Sonntag werde ich mir wie alle deutschen Spiele in den Holstenhallen ansehen. Ich tippe auf ein 2:1 für Deutschland.“

Bauunternehmer Ulf Michel (46) erlebte den ersten WM-Titel bewusst 1990:

„1974 bin ich zwar auch schon Weltmeister geworden, aber erinnern kann ich mich kaum. Ich habe das Endspiel als Sechsjähriger mit meiner sportbegeisterten Oma geguckt. 1990 war ich 23 und Student in München. Mein Kumpel Olaf Spendig und ich haben das Finale in meiner kleinen Wohnung geschaut und danach ordentlich im Englischen Garten gefeiert. Dann sind wir - noch mit den Bierkrügen aus dem Biergarten - bis zur Ludwig-Maximilians-Universität gelaufen, wo uns der Übermut packte: Ruck-zuck hatten wir sämtliche Klamotten von uns geworfen und lagen in einem der riesigen Springbrunnen. Das hat aber nicht lange gedauert, denn in Sekundenschnelle war die Polizei da und hat uns freundlich herausgebeten. Wir haben dann anschließend etwas abgekühlt weiter gefeiert.“

Augenoptikermeister Christoph Mückenheim (40) erlebte seinen ersten WM-Titel 1990:

„Ich war 17 und mit meinem besten Kumpel Lars Tietgen auf Zelt- und Fahrradtour an der Ostsee. Das Halbfinale gegen England haben wir auf einem Campingplatz bei Hohwacht mit vielen anderen Campern geguckt, das war sehr lustig. Doch dann kam Dauerregen, und nach zwei Tagen sind wir entnervt nach Heiligenhafen in eine kleine Ferienwohnung gefahren. Die  ist in einem Komplex mit 1200 Appartements, und dort hingen genau zwei Deutschland-Fähnchen an einem einzigen Balkon: unserem! Es gab kein gemeinsames Endspielgucken, sondern alle hockten allein in ihren Stuben, wir also auch. Der Fernseher war winzig und hatte keine Fernbedienung, das weiß ich noch genau. Außer uns hat in diesem Komplex keiner gefeiert oder gejubelt, es gab keinen Autokorso, nichts. Wir waren schwer genervt, und Lars  hat kurz überlegt, ob er sofort mit dem Rad nach Hause fährt, um auf dem Gänsemarkt zu feiern. Hat er dann aber doch gelassen. Wir sind immer noch befreundet und gucken das Endspiel am Sonntag zusammen. Auf seinem großen Flatscreen.“

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