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Hausverwaltung Altro Mondo : Neumünster: Seniorin ist in ihrer Wohnung gefangen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In dem siebenstöckigen Haus an der Dithmarscher Straße 1a ist seit drei Monaten der Fahrstuhl defekt. Viele Mieter schaffen die Treppen nicht mehr.

Neumünster | Die alte Dame ist fast 90 Jahre alt. Seit Monaten wünscht sich Erna Kruse (Name von der Redaktion geändert) mal wieder einen Spaziergang an der frischen Luft. Doch daran ist seit Mitte Dezember nicht mehr zu denken. Die Seniorin ist in ihrer Wohnung in dem siebenstöckigen Haus an der Dithmarscher Straße 1a (Haus Neumünster) quasi eingesperrt, seit der Fahrstuhl vor einem gutem Vierteljahr ausfiel und  immer noch nicht repariert wurde. Die  zuständige Hausverwaltung Altro Mondo aus Ronnenberg bei Hannover vertröstet die Betroffenen. Zahlen müssen die für den Fahrstuhl aber weiterhin.

So wie Erna Kruse geht es zurzeit vielen älteren oder kranken Mietern in dem Haus. Aus Angst vor einer Kündigung wollen sie ihre Namen und das Stockwerk, in dem sie wohnen, lieber nicht nennen. Doch sie alle leiden immens unter dem fehlenden Fahrstuhl. Erna Kruse hat Hilfe von Verwandten und ist noch gut dran. Mehrmals in der Woche kommt ihre Nichte vorbei und schleppt Einkäufe herauf. „Ohne Fahrstuhl fällt mir das auch schwer“, sagt die Verwandte. Doch viel mehr schmerzt sie, dass ihre betagte Tante durch Bewegungsmangel und fehlende Anregungen immer mehr abbaut. „Wir sind sonst regelmäßig mit dem Rollator durch die Grünanlagen spaziert. 20 Minuten konnte meine Tante damals laufen. Aber zu Fuß all die Stockwerke – das geht nicht. Und ich kann auch den Rollator nicht hoch und runter tragen“, so die Nichte. Beim Arzt war sie mit ihrer Tante seit Mitte Dezember nicht mehr. „Zum Glück ist sie nicht akut krank gewesen“, meint die Verwandte.

Eine andere Mieterin hat Knieprobleme, kann die Treppe nur mit Mühe meistern. Dennoch kauft sie für eine alte Nachbarin ein. „Die sitzt oben in der Wohnung und weint“, erzählt die Frau.

In diesem Haus an der Dithmarscher Straße 1a warten mehrere alte und kranke Mieter seit einem Vierteljahr darauf, dass der Fahrstuhl endlich wieder funktioniert.
In diesem Haus an der Dithmarscher Straße 1a warten mehrere alte und kranke Mieter seit einem Vierteljahr darauf, dass der Fahrstuhl endlich wieder funktioniert. Foto: Moritzen
 

Altro Mondo verweist unterdessen per Aushang  auf lange Lieferzeiten von Ersatzteilen. „Die Reparaturen werden zirka vier bis sechs Wochen in Anspruch nehmen“, heißt es weiter. Doch die sind längst verstrichen.

Im Seniorenbüro der Stadt kennt man die Sorgen der älteren Bewohner aus dem Haus Neumünster. „Es waren einige Anwohner hier, um sich bei uns beraten zu lassen“, erzählt die Leiterin Romi Wietzke. „Leider können wir an der baulichen Situation nichts ändern, sondern nur auf Hilfsmöglichkeiten wie ‚Essen auf Rädern‘ oder einen Einkaufsservice hinweisen“, sagt sie. Allerdings hat die Bauaufsicht der Stadt reagiert, nachdem sie vor wenigen Tagen von der unhaltbaren Situation an der Dithmarscher Straße 1a erfuhr. „Die Bauaufsicht hat die Staatliche Arbeitsschutzbehörde unmittelbar nach Bekanntwerden über die mangelhaften Zustände informiert“, so Stadtsprecher Stephan Beitz. Die Staatliche Arbeitsschutzbehörde ist unter anderem  zuständig für die turnusmäßige Überwachung von Fahrstühlen, auch wenn die Verantwortung für den Betrieb, die Instandhaltung und Wartung beim Eigentümer liegt. „Damit hat die Staatliche Arbeitsschutzbehörde eine rechtliche Handhabe, an die Hausverwaltung heranzutreten“, erläutert Beitz.

Jetzt hoffen die Mieter, dass Bewegung in die Sache kommt. Denn ihre eigenen Beschwerden haben bisher nichts genützt. Stattdessen soll die Hausverwaltung stets mitgeteilt haben: „Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie ja ausziehen.“

Das hat zumindest die Vicelingemeinde nach 25 Jahren Präsenz vor Ort an der Dithmarscher Straße soeben getan, wenn auch aus anderen Gründen. „Wir wurden von Altro Mondo angeschrieben und sollten für die Nutzung des recht desolaten Gemeinschaftsraums  im benachbarten Haus Lauenburg monatlich 35 Euro zahlen“, berichtet Diakonin Brigitte Kähler. Fast durchgehend durfte die Gemeinde  den Raum gut zwei Jahrzehnte lang für eine monatliche Andacht mit Kaffeenachmittag kostenlos nutzen; die Betriebskosten werden ohnehin auf die Mieter umgelegt. Nur ein Verwalter verlangte mal über kurze Zeit zehn Euro von der Kirche. Die neue Forderung von 35 Euro war für den Gemeinderat jedoch indiskutabel. Jetzt werden die Treffen im Gemeindehaus stattfinden. Die Gäste aus der Dithmarscher Straße werden dann per Sammeltaxi abgeholt.

Altro Mondo ließ schriftlich gestellte Fragen des Holsteinischen Couriers am Freitag unbeantwortet. Im Haus Neumünster kursiert zurzeit das Gerücht, der Fahrstuhl würde in der kommenden Woche repariert. „Ich glaub’s, wenn ich’s sehe“, sagt eine Bewohnerin resigniert.

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erstellt am 28.Mär.2015 | 06:00 Uhr

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