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Die Demonstration : Neumünster im Ausnahmezustand

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Einsatzkräfte zählten 10000 Teilnehmer.

von
erstellt am 03.Sep.2015 | 12:00 Uhr

Neumünster | Nur wenige Tage hatten die Einsatzkräfte und die Neumünsteraner Anfang September 1995 Zeit, sich auf eine Großdemonstration mit hohem Konfliktpotenzial vorzubereiten. Immerhin hatte der gewaltsame Tod von Seyfetin Kalan für große Bestürzung und Aufmerksamkeit unter Kurden in ganz Deutschland gesorgt. Mit einer Demonstration sollte des jungen Mannes gedacht werden.

Bereits für den darauf folgenden Sonnabend, 9. September, wurde ein Trauermarsch der Superlative durch die Innenstadt anberaumt. Die Polizei rechnete mit 5000 bis 7000 Teilnehmern, weil die Kurden eine Trauerfeier für eine im Hungerstreik gestorbene Kurdin kurzfristig von Osnabrück nach Neumünster verlegten. Doch es kamen weitaus mehr: 10  000 Menschen zählten die Einsatzkräfte, als sich der Demonstrationszug gegen 11.30 Uhr vom Krankenhaus über den Haart Richtung Großflecken in Bewegung setzte.

Nicht nur wegen der immensen Größenordnung hatte sich die Polizei vorab akribisch vorbereitet. Der damalige Kripo-Chef Günther Kronbügel befürchtete „eine Verquickung der allgemeinen Sicherheitslage mit den Ereignissen von Sonntag“. Die Polizei schloss eine Eskalation nicht aus.

Um Krawallen vorzubeugen, sprach Inspektions-Chef Reinhard Aben vorher mit beiden Seiten. Außerdem wurden mehrsprachige Flugblätter verteilt, die zum Verzicht auf Gewalt, Waffen und PKK-Symbole aufriefen. Darin hieß es aber auch: „Die Polizei respektiert die Trauer.“

Am Sonnabendmorgen kam Hektik auf: Eilig rückten Feuerwehrleute auf dem Großflecken an und räumten einen Schutt-Container leer, in dem auch Ziegelsteine von einer Baustelle lagen – sie hätten als Wurfgeschosse dienen können. Wenig später kamen die Demonstranten und Medienvertreter in Scharen in die Stadt. Kurden aus ganz Deutschland, vor allem aus Nordrhein-Westfalen, strömten herbei – darunter viele Frauen und Kinder. Sie trugen rote und weiße Nelken als Zeichen der Trauer. Auf dem Großflecken, wo der junge Mann getötet worden war, waren ein symbolischer Sarg und eine Trauerwache aufgestellt worden.

Mit einer Doppelstrategie versuchte die Polizei in den nächsten Stunden, die angespannte Lage im Griff zu behalten: Zum einen gab es eine starke Polizeipräsenz. Bereits auf den Zufahrtsstraßen standen die Beamten, kontrollierten Fahrzeuge und suchten nach Waffen. Mindestens 1500 Polizisten und Bundesgrenzschützer waren im Einsatz. Zum anderen setzte die Einsatzleitung auf Deeskalation: So verzichteten die Beamten zum Teil auf die Beschlagnahmung verbotener kurdischer Fahnen und Symbole. „Die Täter werden später verfolgt“, hieß es stattdessen. Die Polizisten, die den Trauermarsch direkt begleiteten, waren ohne Schild unterwegs. Der Schutzhelm wurde abgesetzt. Immer wieder kamen Sicherheitskräfte und Demonstranten freundlich ins Gespräch.

Heikel wurde es erst, als sich an der Feldstraße zwei Wasserwerfer in Sichtweite postierten. Das wurde als Provokation verstanden. Der Demonstrationszug stoppte, kritische Minuten folgten. 50 gewaltbereite Demonstranten reagierten mit Drohgebärden. Doch die kurdischen Ordner blieben besonnen. Sie bildeten eine Menschenkette. Ein aggressiver junger Mann wurde von Landsleuten umgerissen, als er Richtung Polizei stürmen wollte. Dann gelang es, den Zug wieder in Bewegung zu setzen – die Gefahr war gebannt.

Nach der Kundgebung kam fast noch ein wenig Volksfeststimmung auf. Einige Teilnehmer tanzten, andere unterhielten sich. Doch es gab auch weniger friedliche Töne. In Sprechchören riefen die Kurden immer wieder „Indikan!“ (Rache).

 

 

 

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