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Justizvollzugsanstalt : Neumünster: Arzt hinter Gittern dringend gesucht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In der JVA fehlt der medizinische Nachwuchs. Achim Strassner aus Kiel (69) hilft aus.

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 07:45 Uhr

Neumünster | Um 16 Uhr ist Feierabend. Wochenend-, Nacht- und Bereitschaftsdienste gibt es nicht. Das Gehalt liegt bei 5000 Euro aufwärts. Die Arbeitszeiten sind flexibel, eine Verbeamtung ist möglich. Man könnte meinen, die Bewerber stehen für dieses Stellenangebot Schlange, doch das ist nicht der Fall. Seit über einem Jahr sucht die Justizvollzugsanstalt (JVA) einen neuen Anstaltsarzt. Trotz Werbung im Radio und nun auch prominenter Unterstützung durch den Schauspieler Joe Bausch ist noch kein geeigneter Kandidat gefunden. Der Gerichtsmediziner im Kölner „Tatort“ und im wahren Leben JVA-Arzt im nordrhein-westfälischen Werl ziert die neue Stellenanzeige im Ärzteblatt.

Es ist ein erneuter Versuch, einen Nachfolger (möglichst Allgemeinarzt, aber auch jede andere Richtung) für Achim Strassner zu finden. Der 69-jährige Internist und Radiologe aus Kiel hilft schon seit 2011 als Vertretung hinter den Gittern an der Boostedter Straße aus. Seit März ist er alleine, denn der alte Amtsarzt ist in Rente gegangen. „Ich bin gesund, fit, kenne mich aus und mache das gerne“, sagt Strassner. Er stammt aus einer Arzt-Dynastie. „Seit 11. August 1777 hat meine Familie durchgängig eine Praxis. Meine Tochter hat sie gerade erst von mir übernommen“, erzählt der erfahrene Anstaltsarzt, der seit 20 Jahren auch schon in der JVA Kiel tätig ist.

Von 460 Haftplätzen in Neumünster sind momentan 374 belegt. Neben Untersuchungshäftlingen sitzen an der Boostedter Straße Männer ein, die zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und bis zu fünf Jahren verurteilt wurden. Etwa drei Viertel von ihnen sind Deutsche. 30 bis 50 Patienten hat Strassner jeden Tag. Nicht eingerechnet sind Gefangene mit Zahnschmerzen, Haut- oder Augenproblemen sowie psychischen Krankheiten. Für sie stehen Fachärzte bereit. „Bei mir reicht das von der Erkältung über Magen-Darm und orthopädischen Dingen bis zu chronischen Erkrankungen. Oft spielen auch Süchte eine Rolle. Darauf sollte sich mein Nachfolger einstellen“, sagt Strassner.

Für die Häftlinge hat der Arzt hinter Gittern einen Vorteil: Sie erhalten auch teure medizinische Behandlungen kostenlos – inklusive der Medikamente. Einen Anreiz, aus Langeweile oder Spaß täglich zum Arzt zu gehen, gibt es dennoch nicht: „Auch hier im Gefängnis müssen die meisten arbeiten. Und es gibt keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Wer also nicht zur Arbeit geht, bekommt kein Geld“, erklärt Strassner.

Apropos Bezahlung: Im Verdienst hinter Gittern sieht der auf Honorarbasis arbeitende Internist und Radiologe den Grund für das mangelnde Interesse am Job. Besonders junge Kollegen könnten mit Nacht- und Wochenendzuschlägen in Kliniken 3000 bis 4000 Euro mehr verdienen – bei weniger Verantwortung. Mehr Freizeit und Zeit für die Familie zu haben, wiege da häufig nicht so schwer.

Angst hatte Strassner übrigens in den über zwei Jahrzehnten mit Gefangenen nie. Nur zweimal in Kiel wurde es für ihn heikel. „Aber ich habe Alarmknöpfe. Wenn ich die drücke, sind hier sofort 20 Helfer“, sagt er und fügt hinzu: „Ich schaue mir nie an, welche Taten meine Patienten begangen haben. Für mich sind alle gleich.“                      

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