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Holsteinischer Courier

23. August 2017 | 10:48 Uhr

Boostedt : „Nehmt mich in eure Mitte“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sabine Heisch schrieb über das Leben mit ihrer behinderten Tochter ein Buch.

Boostedt | „Es ist mir ein Bedürfnis, meine Erfahrungen weiterzugeben. Ich möchte anderen Eltern, die ein besonderes Kind haben, Mut machen, ihr Kind anzunehmen, wie es ist und von dem Kind zu lernen.“ Sabine Heisch aus Boostedt hat ein Buch über das Leben mit ihrer behinderten Tochter geschrieben. Vor 22 Jahren kam Sophia auf die Welt – kerngesund.

Entstanden ist ein sehr berührender und persönlicher Erfahrungsbericht einer Mutter. Mit offenen Worten beschreibt Sabine Heisch (47) in „Mitgefühl(t) – Der Moment, der alles veränderte“, wie die Behinderung ihrer Tochter das Leben veränderte. Sie schildert Ausgrenzungen bei einer Mutter-Kind-Kur, die Gestaltung des Alltags, die Auseinandersetzung mit Ärzten und die Tour de force durch das Behördenlabyrinth. Aber auch, und das ist der Grundtenor des Buches, wie sie gereift und bereichert worden ist durch die Herausforderung. „Ich bin offener für die Menschen geworden, die im Abseits stehen. Und ich lebe viel intensiver im Hier und Jetzt, das geht nur mit innerer Ruhe, wenn man sich und sein Schicksal akzeptiert.“

Sophia kam gesund, aber per Notkaiserschnitt zur Welt. Als das kleine Mädchen knapp zwei Jahre alt war, kam „der Moment, der alles veränderte“: Es war nur ein kleiner Nadelstich – aber danach ist nichts mehr, wie es war. Nach einer Impfung bekommt das Kind epileptische Anfälle, ist wesensverändert und fällt in seiner Entwicklung weit zurück. Sophia kann nicht mehr laufen und der Wortschatz ist drastisch reduziert. Zahlreiche Untersuchungen werden gemacht, bis eine Kernspintomographie das Ergebnis bringt: Die Hirnhaut ist entzündet, das Ausmaß der Hirnschädigung sowie die Entwicklung ist unklar. Sabine Heisch und ihr Mann Roland suchen sowohl bei der Schulmedizin als auch bei alternativen Behandlungsmethoden nach Heilung. Die mutige Frau lernt dabei, mehr und mehr auf ihr Gefühl zu vertrauen und auch unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. „Es ist besser, auf neuen Wegen zu stolpern, als auf alten Pfaden zu erstarren“, rät sie allen betroffenen Eltern.

„Mitgefühl(t)“ ist authentisch und schnörkellos erzählt: „Beim Schreiben wollte ich ehrlich spiegeln, was in den letzten 22 Jahren passiert ist. Es war ein heilsamer Akt. Tatsächlich habe ich mich erst dadurch von meinen Schuldgefühlen befreit, die ich wegen der Impfung hatte“ erzählt die gelernte Diätassistentin. Ein Jahr und zehn Monate hat sie an dem 208 Seiten starken Buch gearbeitet. „Es floss mir aus der Feder, es gab keine Blockaden. Ich habe alle aufbewahrten Kalender der letzten 22 Jahre gesichtet und anhand der Einträge die Ereignisse chronologisch geordnet“, sagt Heisch. Die Reiki-Meisterin wünscht sich für Sophia, die sprachlich stark eingeschränkt ist, vor allem eins: „Dass sie noch mehr Selbstwertgefühl entwickelt und sich so akzeptiert, wie sie ist. Und natürlich, dass sie einen lieben Mann kennenlernt, mit dem sie zusammen wohnen wird.“ Sophia nimmt nur noch homöopathische Medikamente und der letzte Anfall ist 12 Jahre her. Zurzeit arbeitet sie im Erlenhof in Aukrug. Am Ende des Buches lässt die Autorin ihren Mann und ihre zweite Tochter Theresa zu Wort kommen und appelliert an Sophias Stelle an den Leser: „Ich möchte dazugehören! Nehmt mich in eure Mitte.“


Sabine Heisch : Mitgefühl(t) – Der Moment, der alles veränderte. Hamburg, 2014. Verlag: tredition


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erstellt am 21.Okt.2014 | 12:00 Uhr

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