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Holsteinischer Courier

24. September 2017 | 16:12 Uhr

Gerichtsbericht : Nazi-Parolen wurden recht teuer

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Gericht verurteilte zwei junge Männer zu Geldstrafen, nachdem sie betrunken unter anderem einige Flüchtlinge bedrohten.

von
erstellt am 19.Jun.2015 | 08:00 Uhr

Neumünster | Es war wohl reichlich Alkohol im Spiel gewesen. Anders konnten sich die beiden Angeklagten vor Gericht ihr Verhalten selbst nicht mehr erklären, als sie sich jetzt vor dem Amtsgericht verantworten mussten. Stundenlang waren die Freunde laut Anklage am 14. September vergangenen Jahres durch die Straßen gezogen, hatten mit Nazi-Parolen provoziert und Unschuldige bedroht. Das Bittere an der Sache: Das Duo (beide 25) versetzte dabei auch junge Flüchtlinge in Angst und Schrecken, die nach traumatischen Erfahrungen gerade wieder ein sicheres Zuhause gefunden hatten. Ein Betreuer verhinderte damals Schlimmeres.

Der Zug durch das Viertel begann offenbar gegen 15 Uhr. Beide hatten nach eigenen Angaben schon reichlich Wodka genossen. „Ich glaube, wir wollten gerade noch mal Bier holen“, meinte Tim W*. Im Gegensatz zu seinem Kumpel Robert P. konnte er sich zumindest noch bruchstückhaft erinnern. An der Luisenstraße soll Robert in der Nähe einer Jugendwohngruppe plötzlich mehrfach „Sieg Heil“ gebrüllt haben. Gegen 16.50 Uhr tauchten die beiden Männer dann auf dem Grillfest der Linken an der Färberstraße auf. Während Tim sich nach eigenen Angaben friedlich unterhielt, soll sein Kumpel erneut provoziert haben. Diesmal hob er laut Anklage den Arm zum sogenannten Hitlergruß.

Das brachte die Polizei auf den Plan. Die stellte gegen 17 Uhr 2,5 Promille Atemalkohol fest. Der junge Mann gab den verbotenen Gruß damals sofort zu.

Wenig später, gegen 18.45 Uhr, machten sich die beiden Männer erneut auf den Weg durch die Luisenstraße. Diesmal standen offenbar einige junge Leute, die zum Teil aus Kriegsgebieten stammen, vor der Tür ihrer Wohngruppe. Offenbar passte es den Angeklagten nicht, dass sich die anderen jungen Leute zum Teil in ihrer Landessprache unterhielten. Es kam zum Streit.

Ein Erzieher, der die jungen Flüchtlinge betreute, hörte plötzlich Stimmen von draußen. „Sprich deutsch mit mir“, hieß es. „Das klang ganz klar aggressiv“, erzählte er als Zeuge vor Gericht. Der Erzieher schaute deshalb nach dem Rechten, drängte sich schließlich zwischen seine Schützlinge und die beiden Betrunkenen. „Plötzlich sagte einer: ‚Hier wird gleich jemand abgestochen!‘“ Der Kleinere, also Robert P., soll außerdem ein Messer aus der Tasche gezogen haben. „Ich war total perplex. Er hielt das Messer so auf Hüfthöhe. Der andere wiederholte die Drohung. Beide hatten so glasige Augen. Ich konnte die Situation nicht richtig abschätzen und habe die Jugendlichen deshalb ins Haus geschickt“, beschrieb der Erzieher den brenzligen Moment.

Vor Gericht entschuldigten sich die Angeklagten, die noch nicht einschlägig vorbestraft sind, für ihr Verhalten. „Ich wollte niemandem schaden“, meinte Robert P. in Hinblick auf den Schrecken der jungen Flüchtlinge. Dann schilderte er gemeinsam mit seinem Betreuer sein Alkohol- und Drogenproblem sowie die Sorgen um seine schwer kranke Mutter, die er selbst intensiv betreut.

Das Gericht verurteilte beide Männer schließlich zu Geldstrafen. Tim W. , der im Gegensatz zu seinem Kumpel als Angestellter gutes Geld verdient, muss 900 Euro zahlen, weil er sich an der Bedrohung beteiligte. Robert P. wurde wegen seines Beitrags an der Bedrohung sowie der Verwendung von Kennzeichen verbotener Organisationen zu 750 Euro Geldstrafe verurteilt. In sein Urteil floss eine weitere gerichtliche Entscheidung mit ein: Der junge Mann war nämlich kurz nach der Tat noch mit einem verbotenen Messer erwischt worden. 

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

 

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