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Holsteinischer Courier

19. Oktober 2017 | 06:01 Uhr

Theater : „Nathan“ erreichte den Verstand

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die überwiegend jungen Zuschauer begeisterten sich im Theater in der Stadthalle für Lessings Stück über Vernunft und aufgeklärtes Denken

shz.de von
erstellt am 13.Jan.2016 | 10:00 Uhr

Neumünster | Es gibt wenige Theaterstücke, die nach über 200 Jahren noch so gültig und aktuell sind wie Gotthold Ephraim Lessings (1929-1781) dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ (1783) – ein großes literarisches Zeugnis der Aufklärung, der Humanität und der Toleranz. Lessing gestaltete im „Nathan“ sein Ideal (seine Utopie? unsere Utopie?), dass durch Vernunft und aufgeklärtes Denken ein friedvolles Miteinander aller Menschen, gleich welcher Religion, Kultur, Rasse und Nationalität, erreicht werden kann. „Die Stimme der Vernunft ist heute wichtiger denn je“, meint auch Alexander Netschajew, Intendant des „Theaters in der Altmark“ aus Stendal und Regisseur des Gastspiels, das am Montagabend im Theater in der Stadthalle rund 400 überwiegend junge Zuschauer beeindruckte.

Aufmerksam folgte das Publikum Lessings spannungsreich „komponierten“, dialektischen Dialogen und drückte am Ende lebhaft seine Zustimmung zu Stück und Inszenierung aus. Das Schlussbild verdeutlichte die Kernaussage des „Nathan“ und zeigte am Beispiel einer kleinen „Familie“, zu der Muselmann, Jude und Christ gehören, wie eine große Menschheitsfamilie funktionieren könnte.

Dieses Bild und die Videosequenzen wirken nach! Und nicht nur sie: Die Idee, dass Nathan die „Ringparabel“, das Kernstück der Handlung, nicht nur Sultan Saladin erzählt, sondern über Mikrofon die Botschaft der ganzen Menschheit mitteilt, war ebenso überzeugend wie der Gedanke, dass der Patriarch (Lessings böse Karikatur seines theologischen Widersachers Goeze, Hauptpastor zu Hamburg) nicht körperlich anwesend war, sondern nur seine Fratze auf dem Video. Auch der Beginn der Aufführung, die Aneinanderreihung von klugen und dummen, von längst überholten und brandaktuellen Sprüchen, fügte sich ebenso in das Regiekonzept ein wie die philosophischen Aussagen, die auf die Rückwand projiziert wurden.

Netschajews oft überraschend innovative, unverkrampfte heutige Umsetzung des „Nathan“ fand zu einer guten Balance zwischen theaterwirksamer Geschichte und aufklärerisch-philosophischen Gedanken, die alle in der übergeordneten Aussage zusammenfließen: „Es genügt, ein Mensch zu sein!“ Die fast dreistündige Aufführung schlug szenisch geschickt den Bogen vom 12. Jahrhundert (Zeit der Handlung in Jerusalem, der Wiege der drei Weltreligionen) über die Aufklärung (Zeit der Entstehung) zur Gegenwart – durch Kostüme, Accessoires, Requisiten, Videos und immer eigenständiger werdende Musik (Larry Porter).

Im Mittelpunkt des Abends standen Lessings Verse und ganz besonders der „Erzähler“ Nathan, den Frank Siebers als einem durch leidvolle Erfahrungen weise und leise gewordenen Menschen verkörperte. Sehr wissbegierig und authentisch, fähig und bereit sich die Weisheit Nathans zu eigen zu machen, füllte Jochen Gehle die Rolle des Sultan Saladin aus. Auch das junge Paar überzeugte: Michael Magel war ein jungenhaft „verbiesterter“ Tempelherrn, zu dem Simone Fulir als Recha (Nathans angenommene Tochter), ein ausdrucksstarkes Mädchen im Gefühlschaos, gut passte. Adäquat auch die kleineren Rollen: Annett Siegmund als Daja, die ihr christliches Herz auf der Zunge trug; Angelika Hofstetter als ehrgeizige Schwester Saladins; Stephan Lewetz als ehrlicher Derwisch Al-Hafi; Hannes Liebmann als mitfühlender Klosterbruder. „Nathan der Weise“ aus Stendal erreichte nicht nur das Ohr, sondern auch das Herz und den Verstand. Mehr geht nicht!  




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