Kinderschutzbund : Nachwuchs für die Kummer-Nummer

Besmir Mansaku und Ernestine Schmidt sind zwei der neuen Telefonberater am Sorgentelefon. In Rollenspielen Rücken an Rücken probten sie den Ablauf von Telefongesprächen. Nach den Sommerferien starten sie mit der Beratung.
Besmir Mansaku und Ernestine Schmidt sind zwei der neuen Telefonberater am Sorgentelefon. In Rollenspielen Rücken an Rücken probten sie den Ablauf von Telefongesprächen. Nach den Sommerferien starten sie mit der Beratung.

23 Schüler der Elly-Heuss-Knapp Schule arbeiten nun für das Sorgentelefon – und weitere kommen nächstes Jahr dazu.

shz.de von
08. Juli 2015, 06:30 Uhr

Neumünster | Chantal ist todtraurig. Eine Klassenkameradin der 14-Jährigen hat überall herumerzählt, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht habe. Dann ist da Sebastian. Der Zehnjährige wird auf dem Schulhof wegen seines Aussehens gemobbt und hat schlechte Noten. Und schließlich weint Anna in den Hörer, weil sich ihre Eltern ständig streiten und dabei auch handgreiflich werden. Die Namen sind erfunden, die Geschichten am Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes aber ganz real. Darüber berichteten gestern 23 angehende Erzieher der Elly-Heuss-Knapp-Schule (EHKS). Die 19- bis 31-Jährigen haben ein Schuljahr lang den Wahlpflichtkursus Telefonberatung belegt und sind nach den Sommerferien als neue ehrenamtliche Ansprechpartner unter der 116 111 zu erreichen.

30 Stunden theoretische Ausbildung und zehn Stunden Hospitation bei den erfahrenen Beratern des Kinderschutzbundes liegen hinter den Teilnehmern. Von der Praxis sind sie beeindruckt. „Ich dachte am Anfang, was sind das schon für Probleme? Aber man erkennt schnell, dass die Anrufer wirklich bedrückt sind. Viele sind froh, wenn sie einfach ihre Sorgen loswerden“, sagt Besmir Mansaku. Zuhören, ausreden lassen und Hilfe zur Selbsthilfe geben – das sind die Ziele der Berater. Die Gespräche dauern dabei zwischen zwei Minuten und über eine Stunde.

In Zwei-Stunden-Schichten wechseln sich die ehrenamtlichen Helfer montags bis sonnabends zwischen 14 und 20 Uhr ab. Jeder ist zwar am Hörer allein, hat aber ein zweites Telefon zur Hand, mit dem er im Notfall die Teambetreuer vom Kinderschutzbund alarmieren kann. „Über die Anrufer erfahren wir nur das, was sie uns preisgeben. Die Beratung ist nämlich anonym“, hat Ernestine Schmidt gelernt. Sie wählte ganz bewusst den Kursus, denn: „Konflikte gehören später zu unserem Arbeitsalltag. Es ist gut, wenn man weiß, wie man sie mit geschickter Gesprächsführung lösen kann.“ Für 40 Stunden haben sich die 23 Schüler jetzt erst einmal verpflichtet. Dann gibt es ein Zertifikat. Danach wollen die meisten aber weitermachen.

Die Idee zu der Kooperation mit der EHKS hatte Till Pfaff, der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes. „Wir haben im Jahr rund 5000 Beratungen am Telefon, aber die Zahl der Helfer ist in letzter Zeit bis auf aktuell nur noch zehn immer weiter zurückgegangen. Deshalb ist es toll, dass wir nun Nachwuchs bekommen“, sagt er. Und es geht weiter. Nach dem Erfolg des Testlaufs steht der zweite Kursus im neuen Schuljahr bereits in den Startlöchern. „Das wird spannend, da die jetzt ausgebildeten Berater dann als Paten für die neuen Schüler bereitstehen“, sagt Inga Hansen. Die Lehrerin ist stolz auf ihre Gruppe.   

Wer ebenfalls ehrenamtlich helfen will, sollte sich an den Kinderschutzbund wenden. Dort gibt es künftig eine Grundausbildung. Erst danach werden die Helfer je nach Eignung auf die einzelnen Bereiche verteilt.         

Das Kinder- und Jugendtelefon Neumünster ist unter Tel. 116  111 vor allem für Anrufer aus der Stadt und dem Umland zuständig. Da aber bei längeren Gesprächen niemand lange warten soll, werden Anrufe automatisch bei besetzten Leitungen auf die nächstgelegene freie Beratung weitergeleitet. In Spitzenzeiten kann es daher sein, dass man auch in Bayern landet. Ganz selten ist auch mal das Besetztzeichen zu hören. Dann sollte man sofort wieder versuchen.

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