Neumünster : Nach Hetz-Schreiben: Neuer anonymer Brief gibt Rätsel auf

Alles nur ein Fake? Das Schreiben aus der vergangenen Woche soll nur zum Wachrütteln dienen, sagt der anonyme Verfasser.
Alles nur ein Fake? Das Schreiben aus der vergangenen Woche soll nur zum Wachrütteln dienen, sagt der anonyme Verfasser.

Der rassistische Rundbrief aus Neumünster soll nur eine lehrreiche Aktion gewesen sein. Die Ermittlungen dauern an.

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23. Januar 2018, 09:00 Uhr

Neumünster | Vor einer Woche traf ein rechtsextremer Rundbrief bei zahlreichen Vertretern aus Politik und öffentlichem Leben ein und sorgte tagelang für Bestürzung und Entsetzen. Jetzt hat sich der nach wie vor anonyme Schreiber erneut gemeldet – und seinem Anliegen darin eine völlig neue Wende gegeben. Demnach hat es den sogenannten „Bund wehrhafter Neumünsteraner“ nie gegeben. Unklar ist, ob die Erklärung des unbekannten Absenders glaubhaft ist.

In dem neuen Schriftstück, das offenbar ausschließlich an Henning Möbius, den Vorsitzenden des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie, per Post verschickt wurde, stellt der Verfasser sein Anliegen plötzlich als eine Art Lehrstück dar. Demnach habe er die Neumünsteraner lediglich wachrütteln und auf einen Wandel in der Gesellschaft aufmerksam machen wollen.

Verfasser wirbt jetzt für ein „weltoffenes, friedliches Neumünster“

Angeblich geht es ihm darum, im Hinblick auf die Kommunalwahlen vor genau dem extrem rassistischen Gedankengut zu warnen, das im ersten Schreiben noch als Forderungskatalog aufgelistet worden war. Stattdessen wird jetzt für das Engagement für ein „weltoffenes, friedliches Neumünster“ geworben. Gleichzeitig wird Henning Möbius gebeten, die „lokalen und regionalen Medien“ über die Inhalte des Schriftstücks zu informieren.

Die Kriminalpolizei in Kiel, die sich auch mit Staatsschutz-Fällen befasst, versucht nach Auftauchen des zweiten Schreibens weiterhin, den oder die Urheber zu ermitteln. So wird unter anderem geprüft, ob der Absender der Briefe identisch ist. Einen konkreten Tatverdacht gibt es laut Polizeisprecher Matthias Felsch noch nicht. Die Staatsanwaltschaft untersucht nach wie vor den Anfangsverdacht der Volksverhetzung.

Henning Möbius, der ebenso wie viele andere Adressaten schon mit dem ersten Schreiben zur Polizei ging, hofft, „dass der zweite Brief ehrlich gemeint war“ und der Urheber tatsächlich nur warnen wollte. Doch sicher ist er sich ebenso wie manch anderer betroffener Neumünsteraner nicht. „Vielleicht ist da jemandem die Sache einfach nur zu heiß geworden und jetzt wird zurück gerudert“, sagt Gerd Kühl (CDU), der auch vor einer Woche den rechtsradikalen Hetz-Brief erhielt.

 

„Das ist wirklich eines sehr seltsame Auffassung von Humor. Ich habe kein Verständnis für derartige Scherze“, betont Reinhard Ruge (FDP) nachdem er von dem Erklärungsversuch des seltsamen Briefeschreibers hörte. „Es gibt genug Städte, in denen gefährliche Bürgerwehren herumlaufen. Das darf einem nicht egal sein“, so Ruge, der ebenfalls die Ermittler einschaltete.

„Ich finde so etwas weder lustig noch lehrreich“, sagt Volker Andresen (SPD). Er hat über seinen Anwalt bereits Ende vergangener Woche Strafantrag gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft gestellt. Besonders gemein, findet er, dass im ersten Brief von mehreren Mitgliedern aus Polizei und Verwaltung die Rede ist. „Die werden da mal eben unter Generalverdacht gestellt.“

Feige Aktion aus der Deckung

Ein Kommentar von Dörte Moritzen

Das ist schon ein perfides Spiel, das ein oder mehrere unbekannte Absender seit einer Woche mit Neumünsteraner Funktionsträgern treiben. Erst wird ein so dermaßen rechtsextremes Hetz-Pamphlet abgeschickt, dass allen nach Lektüre der menschenverachtenden Forderungen angst und bange wird. Und nur wenige Tage später soll alles nur ein gut gemeinter Feldversuch oder ein lehrreiches Planspiel gewesen sein? Überzeugend oder gar lobenswert ist das nicht. Denn der politisch jetzt plötzlich so besorgte Unbekannte hat nicht einmal den Mut, nach der Auflösung – wenn sie dann überhaupt ernst gemeint war – sein Gesicht zu zeigen. Stattdessen fungiert er nach wie vor feige aus der Deckung und beschäftigt so weiterhin die Ermittler. Wie peinlich!

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