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Welt-Schlaganfall-Tag : Nach drei Schlaganfällen zurück ins Leben

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sieglinde Kraus (78) aus der Gartenstadt ertrug tapfer die Krankheit und kann heute wieder lachen.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2014 | 06:30 Uhr

Neumünster | Der Anruf kam ausgerechnet am Geburtstag der Enkelin. „Alle Gäste saßen beim Kaffeetrinken. Nur noch meine Eltern fehlten. Da läutete das Telefon und mein Vater sagte, meiner Mutter gehe es nicht gut, ich solle mal vorbeikommen“, erinnert sich Christiane Kraus (44) noch genau an den Nachmittag des 24. November 2004. Es war der erste von bis heute drei Schlaganfällen, die Sieglinde Kraus erlitt. Doch die 78-Jährige aus der Gartenstadt hat sich immer wieder tapfer zurück ins Leben gekämpft. Am heutigen Welt-Schlaganfall-Tag erzählt sie gemeinsam mit ihrer Tochter, die Vorsitzende der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe in Neumünster ist, ihre bewegende Geschichte.

„Ich hatte damals gleich den Verdacht, dass es ein Schlaganfall ist“, sagt Christiane Kraus. Sie ist ausgebildete Altenpflegerin, hat unter anderem auch in der DRK-Klinik am Hahnknüll gearbeitet. „Meine Mutter wirkte verwirrt, sprach unverständliches Zeug, ihre Glieder hingen schlaff am Körper.“ Die typischen Symptome. Per Rettungswagen kam Sieglinde Kraus in die damals noch neue „Stroke Unit“ im Friedrich-Ebert-Krankenhaus, die interdisziplinäre Schlaganfall-Spezialstation in der Klinik für Neurologie und Psychiatrie. Beim „Monitoring“ mit EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung-, Temperatur- und Blutzuckerkontrolle bestätigte sich der Verdacht.

Das war ein Schock für die Familie. „Meine Mutter war gerade erst in Rente gegangen, hatte noch viele Pläne“, sagt Christiane Kraus. Doch nun standen erst einmal ein wochenlanger Aufenthalt im FEK mit anschließender Rehabilitation und Langzeit-Ergotheraphie auf dem Programm. „Ich konnte zwar noch sprechen, aber mir fehlten manchmal schlicht die Worte. Ich wusste nicht mehr, wie Gegenstände heißen“, erinnert sich Sieglinde Kraus. Auch die Gefühle beim Schlaganfall selbst kann sie heute präzise beschreiben: „Ich wusste nichts mehr. Mein Gehirn war einfach leer.“

Monate gehen ins Land, dann wird die ehemalige Kindergärtnerin entlassen. Doch keine drei Jahre später wiederholt sich das Szenario. „Ich war zufällig gerade bei meinen Eltern, als meine Mutter sagte, sie fühle sich schwindelig und etwas gelähmt.“ Christiane Kraus verfrachtet ihre Mutter sofort ins Auto, fährt zum FEK.

Noch unterwegs muss sich Sieglinde Kraus übergeben. Die Prozedur beginnt von neuem. Noch tragischer ist der dritte Rückschlag 2011. Nach einer Bauspeicheldrüsen-Operation gibt der Arzt ihr in der Klinik gerade bei der Entlassung seine Hand, da bricht die Rentnerin direkt vor ihm zusammen. Ohne Vorankündigung.

„Es war der heftigste Schlaganfall. Da hatten wir wirklich Angst um ihr Leben“, beschreibt Christiane Kraus. Es ging bei ihrer Mutter nicht nur auf die Sehstärke. „Ich konnte gar nicht mehr sprechen. Wie ein kleines Kind musste ich jedes Wort neu lernen“, sagt Sieglinde Kraus, heute beinahe stotterfrei. Wenn sie aufgeregt ist, wollen die Worte manchmal nicht so kommen, ansonsten hat sie auch den dritten Schicksalsschlag mit großem Willen überstanden. „Mir geht es gut. Ich will doch noch was von meinen neun Enkeln haben“, sagt sie fröhlich.

Dass die Stimmung bei ihrer Mutter auch ganz anders sein kann, weiß die Tochter: „Sie ist nicht nur oft depressiv, sondern auch richtig aggressiv.“ Das ist bei Schlaganfall-Patienten nicht selten. „Viele geben sich danach auf, sagen, sie wollen und können nicht mehr“, erzählt Christiane Kraus. Bei den rund 15 Mitgliedern der Selbsthilfe-Gruppe ist das oft ein Thema. „Man darf nicht klagen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“, macht Sieglinde Kraus allen Betroffenen Mut. Auch wenn sie sich nicht mehr unter Menschenmassen traut und der Besuch im Kaufhaus nicht mehr möglich ist – ans Verstecken denkt sie nicht. „Ich gehe zur Wassergymnastik und bin gerne im Garten“, sagt sie. Spaziergänge gehen nur gemeinsam mit ihrem Mann oder der Tochter. Und wenn die Stimmung doch mal kippt, liest sie oder hört gerne klassische Musik zur Ablenkung. Angst, noch einmal einen Schlaganfall zu bekommen, hat die 78-Jährige nicht. „Meine Medikamente geben mir Sicherheit, und die Ärzte sagen: Frau Kraus, Sie können doch locker 100 Jahre alt werden.“

>Weitere Informationen zum Thema Schlaganfall gibt es am heutigen Welt-Schlaganfall-Tag im Friedrich-Ebert-Krankenhaus. Zwischen 17 und 20 Uhr werden in den Konferenzräumen und in der Cafeteria Vorträge gehalten. Ärzte stehen für Gespräche zur Verfügung. Auch die Selbsthilfegruppe stellt sich vor. Christiane Kraus ist auch erreichbar unter Tel. 95 34 40 oder per Mail an die Adresse shgschlaganfall@aol.com.

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