zur Navigation springen

Mutige Patientin : Nach dem Koma ist das Leben ein Geschenk

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Irmgard Hönkhaus leidet am seltenen Guillain-Barre-Syndrom. Von heute auf morgen änderte sich ihr Leben.

Neumünster | Irmgard Hönkhaus leidet seit einigen Jahren an einer seltenen Krankheit. Doch statt zu resignieren, möchte sie anderen Menschen mit ihrer Geschichte Mut machen. Denn trotz vieler Einschränkungen empfindet sie das Leben nach wie vor als lebenswert.

Diesen Tag im Dezember 2012 wird die 75-Jährige nie vergessen. Seit Tagen tat ihr der Rücken weh, die Ärzte tippten auf Hexenschuss oder Ischias. „Es wurde immer schlimmer, ich konnte nichts essen“, erinnert sie sich. Nachbarn klingelten bei ihr, weil sie ein Paket für sie in Empfang genommen hatten. „Denen fiel ich in die Arme“, sagt sie. Danach weiß sie nicht, was passierte – Notfalltransport ins FEK, Intensivstation, Koma.

Es folgten Monate in kritischem Zustand. „Ich habe des öfteren da oben ,Hallo‘ gesagt“, beschreibt sie die Wahrscheinlichkeit, dass sie hätte sterben können.

Die Seniorin leidet am seltenen Guillain-Barre-Syndrom. Dass die Ärzte im FEK das erkannt haben und ihr zurück ins Leben halfen, dass viele Menschen für sie da waren, dafür ist sie zutiefst dankbar.

Irmgard Hönkhaus wurde künstlich ernährt, lag mehrere Monate im Koma. Von dieser Zeit weiß sie nichts, auch nicht, dass ihre Kinder, ihre beste Freundin, die Künstlerin Barbara Schael und ihre Schwester Erika sie besuchten. In ihrem Körper funktionierte nichts, wie es sollte. Ihre Galle vergiftete ihren Organismus, sie hatte 30 Liter Wasser im Körper.

„Viele Freunde besuchten mich nicht, weil sie nicht ertragen konnten, wie ich so da lag“, sagt sie. Barbara Schael kam – und redete mit „Irmchen“, als ob sie bei Bewusstsein wäre. Irmgard Hönkhaus wachte schließlich aus dem Koma auf, aber nichts war wie vorher: „Ich musste alles neu lernen, ich konnte nicht schlucken, nicht sitzen, nicht laufen. Am schlimmsten war, dass ich keine Luft bekam. Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.“

In dieser kritischen Zeit standen ihr die Familie, ihre Freunde und ein „super Team“ von fürsorglichen Ärzten und Schwestern zur Seite, machten ihr Mut, pflegten sie liebevoll, hielten zu ihr, unterstützten sie in jeder Lebenslage. „Wenn diese Menschen nicht gewesen wären, hätte ich es vielleicht nicht geschafft. Irgendjemand war immer da.“ Barbara Schael sagt, dass das eine Selbstverständlichkeit war: „Wir haben das einfach so gemacht und haben sie überall mit hingeschleppt.“

Das neue Leben war ein totaler Umbruch: „Vorher war ich selbstständig, jetzt musste ich um alles fragen“, sagt Irmgard Hönkhaus. Sie ist eine Kämpferin – aber auch eine Frohnatur – und ihr Leben war schön. Die gebürtige Büdelsdorferin, die seit 1977 in Neumünster lebt, heiratete 1960 ihren Mann Horst, hat vier Kinder, arbeitete als Kaufhausdetektivin. „Ich hatte einen tollen Job, wir waren glücklich.“ 2000 bekam sie einen Herzschrittmacher, hörte auf zu arbeiten. Ihr Mann starb, nachdem sie goldene Hochzeit feierten. Das haute Irmgard Hönkhaus von den Füßen – und dann kam jener Tag im Dezember.

Seit Dezember 2013 ist sie wieder zu Hause. Sie empfindet das Leben als pures Glück. „Meine Selbstständigkeit ist eingeschränkt, aber ich bin wieder voll da. Ich nehme 30 Tabletten am Tag, darf nicht mehr Auto fahren, gehe nur mit Rollator, trage den Gurt um den Bauch für den Rücken und den Notfall-Piepser um den Hals, aber ich habe gesagt: Jetzt erst recht. Jeden Tag gehe ich eine Stunde in die Stadt. Ich kann es fast nicht glauben. Aber der Mensch ist ein Wunder.“

Sie empfindet – gerade als älterer Mensch mit Blick auf ein Lebensende – jeden Moment Schönheit viel intensiver, seien es bunte Blumen oder Gespräche mit lieben Menschen. „Wer das nicht erkennt, ist ein armer Mensch. Ich bin dankbar, dass ich das noch erleben darf.“

Trotz all ihrer Einschränkungen ist Irmgard Hönkhaus voller Lebensmut und kostet die Tage aus: „Es lohnt sich zu kämpfen. Ich möchte anderen Menschen mit meiner Geschichte Mut machen.“ Sagt sie und lacht fröhlich – diese Frau ist einfach nicht unterzukriegen.




zur Startseite

von
erstellt am 17.Aug.2015 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen