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Gerichtsbericht : Nach dem Brand zogen unten Prostituierte ein

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Brandstiftungsprozess vor dem Kieler Landgericht wurde mit Zeugenaussagen und langen juristischen Debatten fortgesetzt.

von
erstellt am 04.Okt.2014 | 06:45 Uhr

Neumünster | Langwierige Zeugenbefragungen und stundenlange rechtliche Diskussionen prägen derzeit vor dem Kieler Landgericht den Prozess um die Brandstiftung an der Bahnhofstraße 40. Zurzeit müssen sich fünf Männer im Alter zwischen 31 und 70 Jahren für die Tat verantworten. Laut Anklage sollen zwei Brüder (31 und 37) im Auftrag des Hausbesitzers (32) in der Nacht zum 15. September 2013 in dem Mehrfamilienhaus an mehreren Stellen Feuer gelegt haben. Zwei Bekannte des Eigentümers, ein Gastwirt (70) und ein Kaufmann (38), sollen die Tat mit geplant haben. Laut Anklage ging es um die Versicherungssumme von 500 000 Euro.

Gestern, am vierten Verhandlungstag, mussten die geladenen Zeugen reichlich Geduld mitbringen. Fast anderthalb Stunden diskutierten die Prozessbeteiligten erst einmal darüber, wie mit der Begutachtung der Brandstelle zu verfahren sei. Nachdem sich ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes (LKA) ausschließlich anhand von Fotos zur Ausbreitung des Feuers und zum Schaden geäußert hatte, hatte die Verteidigung einen zweiten Experten direkt zur im wesentlichen unveränderten Brandstelle geschickt, der zum Teil zu anderen Ergebnissen gekommen war (der Courier berichtete). Der Vorsitzende Richter schlug deshalb vor, den LKA-Sachverständigen ebenfalls noch einmal zum Tatort zu schicken, damit beide Fachleute den gleichen Wissensstand bekämen. Damit war die Riege der Verteidiger nicht einverstanden.

Die Anwälte befürchteten, dass der LKA-Experte trotz der genaueren Grundlage von seinem Urteil abweichen würde und forderten „einen unbefangenen dritten Gutachter“ oder gar einen Ortstermin. Doch ein Ausflug ins Haus an der Bahnhofstraße mit allen fünf Inhaftierten sowie ihren Anwälten und dem Gericht dürfte schwierig werden. „Mit den Wachtmeistern sind wir 28 Leute“, rechnete der Vorsitzende vor. „Da müssten wir erst einen Gutachter hinschicken, der schaut, welchen Schaden die Treppe beim Feuer genommen hat und ob sie uns noch trägt“, hieß es. Das Gericht wird das Procedere beraten.

Als Zeuge wurde danach unter anderem ein Mann (29) vernommen, der rund eine Woche vor dem Brand noch zwei Mietverträge für Wohnungen in dem Haus abgeschlossen hatte. Die ehemalige Anwaltskanzlei im ersten Stock sollte ihm für 1000 Euro überlassen werden. Er wollte sie für 1500 Euro untervermieten. Die Wohnung im Erdgeschoss sollte 500 Euro monatlich kosten. Während der Zeuge angab, für die obere Wohnung wegen des Brandschadens nie Miete gezahlt und sie auch nicht genutzt zu haben, hatte er die Räume im Erdgeschoss offenbar an Prostituierte vermietet – manchmal nur wochenweise. Die Namen der Mieter konnte er nicht nennen, Verträge nicht vorlegen. Immer wieder hakten insbesondere die Staatsanwälte nach, um zu prüfen, ob es sich überhaupt um reale Mietverhältnisse handelte. „Bei Ihrer Aussage stimmt doch etwas nicht“, sagte ein Staatsanwalt. Der Prozess wird fortgesetzt.

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