Neue Heimat Neumünster : Mutter und Tochter: 11 Jahre obdachlos durch Deutschland

Froh und dankbar: Elf Jahre lang lebten Rosemarie Güldner und ihre Tochter Sonja Verginia auf der Straße. Nun haben sie in Neumünster eine Heimat gefunden.
Froh und dankbar: Elf Jahre lang lebten Rosemarie Güldner und ihre Tochter Sonja Verginia auf der Straße. Nun haben sie in Neumünster eine Heimat gefunden.

Rosemarie Güldner und ihre Tochter Sonja Verginia waren elf Jahre obdachlos und lebten auf der Straße, aber die Hoffnung gaben sie nie auf.

shz.de von
01. Januar 2015, 16:00 Uhr

Neumünster | Die Sonne strahlt zum Fenster der kleinen und einfach eingerichteten Dachgeschoss-Wohnung im Bürgerstift an der Goebenstraße herein. Rosemarie Güldner sitzt auf dem Sofa und kann sogar etwas lächeln. „Als ich früher durch dieses Viertel ging, um im Stadtwald zu schlafen, habe ich immer davon geträumt, hier mal bleiben zu können. Es ist ein schöner Platz“, sagt die 74-Jährige. Auf eine feste Bleibe musste sie elf Jahre lang verzichten. Von 1994 bis 2005 zog die gebürtige Stettinerin mit ihrer in Neumünster geborenen Tochter Sonja Verginia (35) obdachlos durch die Republik. Nun haben die beiden in ihrer Lieblingsstadt endlich eine Heimat gefunden.

Eigentlich saß die sympathische und sehr offene Frau ihr ganzes Leben auf gepackten Koffern. 1945 flüchtete sie mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern nach Cuxhaven. Als der Vater aus dem Weltkrieg zurückkehrte, fand er in Bochum eine Arbeit. Die Familie folgte. Mit 24 Jahren wollte Rosemarie Güldner ein neues Leben in Australien anfangen. „Leider habe ich dort den falschen Mann kennen gelernt und geheiratet“, sagt sie. Der deutsche Ehemann kehrte mit ihr gegen ihren Willen nach kurzer Zeit zurück nach Deutschland, kümmerte sich aber kaum um seine Frau und die drei Kinder, sondern arbeitete mal hier und mal da, unter anderem auch zweimal im Industriegebiet Süd in Neumünster. Die Familie wohnte dann in Wittorf. „Ich war von ihm finanziell abhängig, kam nicht los“, sagt Rosemarie Güldner.

Den Bruch gab es 1994 in Bayern. Ihr Mann war weg und schickte nur unregelmäßig Geld. Die Wohnung in einem Gebirgsdorf musste sie verlassen, weil der Vermieter sie verkaufen wollte. „Dann stand ich mit Sonja auf der Straße. Meine beiden älteren Kinder waren schon eigenständig, konnten mich aber nicht unterstützen“, sagt sie. Die Hausfrau und Mutter ohne Ausbildung erhoffte sich Hilfe bei Verwandten in Cuxhaven. Vergebens. An einem Frühlingsabend standen Mutter und Tochter in Cuxhaven zum ersten Mal vor einer Obdachlosen-Unterkunft. Vier Jahre lebte sie dort.

„Ich kam in dieser Zeit nicht raus aus dem Dreck. Aber ich habe die Hoffnung nie aufgegeben“, sagt Rosemarie Güldner. Mit der Bahn reiste sie ab 1998 durch die Republik. Geld verdiente sie mal mit Tagesjobs oder holte es sich bei den Ämtern. „Manche Städte geben Obdachlosen einmal im Jahr etwas, andere öfter. Das spricht sich in der Szene rum“, sagt sie. Mehrmals fuhr sie auch nach Neumünster, schlief mit ihrer Tochter in Rencks Park oder in Wittorf. „Da kannten wir uns aus. Das gab uns Sicherheit“, sagt sie. Eines war ihr aber immer wichtig: „Wir haben nie wie Penner ausgesehen, hatten stets eine zweite saubere Garnitur dabei.“ Ängste und Sorgen waren aber allgegenwärtig. In Bordesholm wurden die beiden einmal nachts von einem Mann angegriffen, konnten aber fliehen. „Schlaf gab es immer nur mit einem Auge. Draußen muss man wachsam sein“, sagt sie.

Mit Hilfe der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot der Diakonie an der Gasstraße fanden die beiden 2005 endlich eine Wohnung an der Altonaer Straße. Seit einem Jahr wohnt Rosemarie Güldner nun im Bürgerstift, ganz in der Nähe ihre Tochter. Die hat eine Ausbildung als Altenpflegerin begonnen, ist wie die Mutter sehr talentiert im Zeichnen, vor allem von Comics. In einem Comic und in Tagebüchern hat sie das Leben auf der Straße aufgearbeitet. Es ist eine lange und sehr emotionale Geschichte mit einem glücklichen Ende, das Rosemarie Güldner noch immer nicht ganz fassen kann: „Ich lebe jeden Tag, als ob es mein letzter wäre. Und ich bin für jeden Tag sehr, sehr dankbar.“

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