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Zeitumstellung : Mit 119 Glockenschlägen in die Zeitenwende

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Gegen 16 Uhr beginnt schon am Sonnabend an der Anscharkirche in Neumünster die Winterzeit. Die Turmuhr wird manuell um 11 Stunden vorgestellt.

von
erstellt am 26.Okt.2017 | 11:55 Uhr

Alle (halben) Jahre wieder dasselbe Rätselraten: Die Uhr wird umgestellt. Fragt sich nur, in welche Richtung der Zeiger wandert. Und verlieren oder gewinnen wir nun eine Stunde? Können wir in der Nacht zu morgen eine Stunde länger schlafen oder müssen wir eine Stunde früher raus? Für alle, die damit auch nach 37 Jahren Sommer- und Winterzeit in Deutschland noch immer ihre Probleme haben, steht am Ende diese Artikels eine kleine Eselsbrücke (Stichwort „Biergarten“).

Das Problem von Torben Simon (49), seit elf Jahren Küster an der Anscharkirche an der Christianstraße, löst sie allerdings nicht. Er wird sich bereits heute Nachmittag auf den stufenreichen Weg in den 42 Meter hohen Kirchturm machen, um auf halber Höhe die Turmuhr auf die Winterzeit vorzubereiten. Das mächtige fast meterhohe Uhrwerk mit den untertassengroßen Messingzahnrädern zeigt den Neumünsteranern seit 51 Jahren zu allen vier Himmelsrichtungen treu die rechte Zeit an. „Dass sie dabei mitunter mal der genauen Zeit ein oder zwei Minuten vorauseilt oder hinterherhinkt, ist ihrem betagten Alter geschuldet“, erklärt Simson, der sie dann immer wieder geduldig auf den rechten Pfad der Zeitanzeige zurückführt.

Gerade zur Zeitumstellung im Herbst ist das allerdings besonders knifflig. Denn als das massive Uhrwerk 1966 in den dunklen Turm einzog, um Neumünster von hier aus die Zeit zu läuten, war von Sommer- und Winterzeit noch nicht die Rede, sie wurden in Deutschland erst 14 Jahre später eingeführt. Nichts mit Funksteuerung oder Digitaltechnik, die heute auf Knopfdruck die öffentlichen Uhren etwa am Bahnhof oder Großflecken automatisch umtakten. Aber auch das schlichte Zurückdrehen des Zeigers, mit dem heute Abend vermutlich etliche Hausbesitzer ihre Wohnzimmer- oder Küchenuhren mit der ab 2 Uhr geltenden Winterzeit synchronisieren, ist für Simson tabu: Das würde das empfindliche Schlagwerk aus dem Takt bringen, das die Uhr über ein filigranes Gestänge hoch oben unter dem Turmdach mit den Glocken und den großen Ziffernblättern an den Außenwänden verbindet, erklärt Simson.

Dem Küster bleibt daher nichts anderes, als der Zeit vorauszueilen: Mit einem großen Schraubenschlüssel wird er ein bestimmtes Zahnrad an der Uhr lösen, um die Uhr dann Stunde um Stunde vorzustellen. Dabei wird er jeweils bei jeder Viertelstunde kurz und zur vollen Stunde etwas langer pausieren, um die kleinen und großen Glocken, die hoch oben jetzt verfrüht die Zeit ansagen, zumindest kurz anzuschlagen. Verläuft alles nach Plan, hat er nach etwa zehn Minuten sowie 75 Stunden- und 44 kleinen Viertelstunden-Schlägen der Glocken sein Ziel erreicht: 15 Uhr Winterzeit – elf Stunden vor dem eigentlichen Start.

Simson geht davon aus, dass das auch die Neumünsteraner in Kauf nehmen: „Auch wenn die 144 Glockenschläge in Folge nur kurz anklingen, wir wollen die Leute ja nicht in der Nacht erschrecken.“

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