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60 Jahre Kinderschutzbund : Missbrauch: Helfer kommen an die Grenzen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Kinderschützer registrierten 2014 120 Fälle sexueller Gewalt

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2015 | 06:30 Uhr

Neumünster | Ein rundes Jubiläum: Der Ortsverband des Kinderschutzbundes (KSB) feiert am Sonntag, 10. Mai, ab 11 Uhr mit einem Familienfest sein 60-jähriges Bestehen. Kein Grund zur Freude geben allerdings der Bericht der Fachberatung Gewalt und sexueller Missbrauch: 113 Kindeswohlgefährdungen, 97 Fälle von allgemeiner und 120 Fälle von sexueller Gewalt wurden 2014 registriert. Bei Letzterem ist das eine deutliche Steigerung im Vergleich zu 2012 (93) oder vor zehn Jahren (80).

„Das ist eine Menge für eine kleine Beratungsstelle. Die Dunkelziffer wird auf das Fünf- bis Sechsfache geschätzt“, sagen die systemische Therapeutin Helga Göllert (42), die die Fachberatung leitet, und Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Godela Köster (59). Der KSB betreut diese Fälle als einzige Institution im Auftrag der Stadt, die 50 Beraterstunden finanziert. Sexuelle Gewalt bedeutet vor allem sexueller Missbrauch – tatsächliche Fälle gab es bei 22 Mädchen und 12 Jungen, den Verdacht bei 37 Mädchen und 29 Jungen sowie drei Verdachtsfälle auf Kinderpornographie.

Eindeutige Symptome gibt es nicht. „Wenn Kinder sich verändern, muss man sensibel sein. Wenn sie nicht mehr zu den Großeltern wollen, nicht durchschlafen, Konzentrationsschwächen zeigen oder auch unspezifische Bauchschmerzen haben. Häufig äußern sich Kinder nonverbal“, sagen die Beraterinnen. Man müsse sie ernst nehmen: „Ein Kind muss in der Regel sieben Erwachsene ansprechen, um gehört zu werden.“

Täter sind vor allem männlich, stammen aus allen sozialen Schichten. Missbrauch reicht von einem ungewollten Kuss, einer sexueller Berührung bis hin zur Penetration in jeglicher Form. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Godela Köster. Die Täter gehen perfide vor, spähen die Opfer sorgfältig aus, zum Teil jahrelang, setzen es unter Druck, treiben einen Keil zwischen Eltern und Kind, bringen es mit Drohungen zum Schweigen („wenn ich ins Gefängnis gehe, kommst du ins Heim“). „Eine Drohung ist für das Kind Realität“, sagen die Beraterinnen. Täter machen sich schlau, ob die Kinder bereits missbraucht wurden. Als Druckmittel geht alles – in einem Fall musste ein Kind zusehen, wie sein Meerschwein qualvoll getötet wurde.

Gemeldet werden diese Fälle vor allem von den Opfern selbst, den Müttern, manchmal auch von Geschwistern, die früher Opfer waren und jetzt die kleine Schwester gefährdet sehen, oder von Institutionen wie Kitas oder dem Sozialem Dienst. Heikel ist es für die Helfer, ob eine Strafanzeige sinnvoll ist. „Der Schutz des Kindes muss gewährleistet werden. Einen Prozess durchzustehen, kostet viel Kraft. Das Opfer muss alles nochmal erzählen“, sagt Godela Köster. 2014 gab es zwölf Strafanzeigen.

In Therapien bekommen die Kinder einen sicheren Schutzraum und die Möglichkeit, sich spielerisch auszudrücken – zum Beispiel mit Stofftieren. Sie werden gestärkt. Aber auch Eltern und Geschwister müssen aufarbeiten. Das kann der KSB alleine nicht leisten, ist mit Jugendamt, Notruf, FEK, Beratungszentrum Mittelholstein und anderen vernetzt. Es gibt auch Fortbildungen für Fachkräfte sowie Elternabende. „Wir haben eine lange Warteliste, wir kommen an unsere Grenzen“, sagen die Beraterinnen. Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit und eine „Kultur des Hinguckens“.

Das Jubiläum wird am Sonntag, 10. Mai, ab 11 Uhr mit einem Familienfest an der Plöner Straße 23 gefeiert. Es gibt eine Kreativecke, Wettbewerbe, Erzähltheater, Spiele, einen Kneipp-Basar und einen Kinderrechte-Bereich. Ab 16 Uhr gibt die Band „Deine Freunde“ ein Konzert. Der Eintritt ist frei. Im Internet: www.dksb-nms.de.

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