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Gefahrenabwehrzentrum : Millionen Jodtabletten für den Norden lagern in Neumünster

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit 2004 liegen rund 5,5 Millionen Jodtabletten für die Bevölkerung im atomaren Ernstfall bei der Berufsfeuerwehr.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 08:00 Uhr

Neumünster | Niemand hofft, dass es in Deutschland passieren wird, doch Unfälle in Kernkraftwerken wie in Tschernobyl oder Fukushima sind auch hierzulande nicht ausgeschlossen. Hinzu kommt die angespannte weltpolitische Lage, in der auch der Einsatz von Atomwaffen möglich wäre. Um die Bevölkerung in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Teilen von Niedersachsen im Ernstfall vor der Aufnahme von radioaktiv-verseuchtem Jod in der Luft zu schützen, lagern bereits seit 2004 rund 5,5 Millionen Jodtabletten in Neumünster, seit 2009 im Keller eines Gebäudes im Gefahrenabwehrzentrum. Doch das könnte sich schon bald ändern.

In Deutschland gibt es immer wieder Kritik an der Sicherheit von Atomkraftwerken. Insbesondere die grenznahen französischen Kraftwerke Fessenheim und Cattenom und belgische Reaktoren in Grenznähe zu Deutschland geraten wegen häufiger Pannen immer wieder in die Schlagzeilen. Auch geht die Angst um, die Atomkraftwerke könnten zum Ziel von Anschlägen werden.

„Es findet derzeit ein Dialog zwischen dem Bund und den Ländern statt, an dessen Ende eine bundesweit harmonisierte, räumlich verlegte Lagerung stehen könnte“, sagt Jana Ohlhoff vom Innenministerium in Kiel. Das Land ist für den Katastrophenschutz zuständig. Hintergrund der Gespräche sind neue Erkenntnisse und Erfahrungen nach der von der Strahlenschutzkommission veröffentlichten Empfehlung mit dem Titel „Weiterentwicklung des Notfallschutzes durch Umsetzen der Erfahrungen aus Fukushima“. Auch die Pläne, alle Kernkraftwerke in Deutschland bis 2022 vom Netz zu nehmen, spielen eine Rolle. So würden momentan die Gebiete für die Verteilung von Jodtabletten rund um das Kernkraftwerk Brokdorf an der Elbe neu bewertet und die mit dem AKW verbundenen Risiken für die Bevölkerung, so Jana Ohlhoff. Das habe gegebenenfalls auch Auswirkungen auf die Jod-Standorte.

Neumünster ist neben Wunstorf und Cloppenburg (beides Niedersachsen), Eggenstein-Leopoldshafen und Lahr (beides Baden-Württemberg), Würzburg, Kempten und Roding (alle Bayern) zurzeit einer von bundesweit acht Standorten für die Pillen. „Die Standorte ergeben sich aus der Verteilung der Kernkraftwerke in Deutschland und den zeitlichen Randbedingungen an die Verteilung. Zwischen 25 und 100 Kilometern um die jeweilige Anlage müssen die Tabletten innerhalb von zwölf Stunden nach der Anforderung bei den betroffenen Personen sein“, erklärt Nicole Meßmer vom Bundesamt für Strahlenschutz in Oberschleißheim bei München.

Im Ernstfall erfolgt eine Verteilung in unterschiedlichen Dosierungen zeitlich gestaffelt an Kinder und Jugendliche sowie Schwangere und zusätzlich an Personen bis 45 Jahre. In Neumünster würden zunächst die Grundschulen beliefert. Dort bekommen dann auch nur Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und Schwangere und Stillende das Jod. Andernorts, etwa in den Landkreisen, würden die Tabletten in den Wahlbüros der Parteien von Feuerwehrleuten und Katastrophenschützern verteilt.

Ein Haltbarkeitsdatum haben die Jodtabletten nicht, ihre Wirksamkeit wird aber durch regelmäßige Proben untersucht. „Auch ich muss jetzt wieder eine neue Probe ziehen“, sagt Bernd Schümann, Abteilungsleiter Katastrophenschutz bei der Berufsfeuerwehr. Er hofft, dass zumindest ein Teil der 18 Paletten im Gefahrenabwehrzentrum verbleibt, denn: „Wir sind hier ein zentraler und idealer Standort und verfolgen weiter die Idee, Neumünster zum Katastrophenschutzlager für Schleswig-Holstein zu machen.“

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