Meister der Milieu-Studie

 Dr. Klaus Fahrner
Dr. Klaus Fahrner

Was uns Hans Fallada heute bedeuten könnte

von
20. Juli 2018, 11:33 Uhr

Zeitlebens hat sich Rudolf Ditzen alias Hans Fallada wenig schmeichelhaft über Neumünster geäußert. Das erstaunt nicht, durchlebte der Autor hier doch nach einer Kette des Scheiterns seinen existenziellen Nullpunkt.

Geboren und aufgewachsen in einem großbürgerlichen Elternhaus, beobachtete er seine Zeitgenossen fortan aus der Perspektive des „Kleinen Mannes“.

Und genau aus dieser Perspektive blickt auch der Anzeigenwerber und Zeitungsknecht Max Tredup in „Bauern, Bonzen und Bomben“ auf die sozialen Milieus von Altholm/Neumünster, wie er sie um 1930 in der holsteinischen Provinz erlebt.

Mit gewissen Abstrichen dürfen wir Tredup als Alter Ego Falladas ansehen. Sein Blickwinkel ist derjenige des gesellschaftlichen Underdogs, der sich seine Chancen suchen muss im Zermürbungskampf politischer und ökonomischer Machtinteressen. Tredup fühlt Ohnmacht gegenüber seinem vorgesetzten Lokalredakteur Stuff, der sich die Niederträchtigkeiten seiner Stellung als Provinzjournalist mit einer Mischung aus Zynismus und Alkohol erträglicher zu machen sucht.

Tredup hingegen befindet sich noch nicht in diesem Stadium, auch wenn ihm die Kälte und Mitleidlosigkeit seiner Umwelt zusetzen. Doch es gibt auch unvermutete Lichtpunkte, wie sie aus sympathischen Zügen des Oberbürgermeisters Gareis aufscheinen.

Die Schärfe der Milieuzeichnung im Roman spiegelt Falladas schriftstellerische Meisterschaft, sie entsprang nicht zuletzt seinem verzweifelten Außenseitertum. In Falladas späterer Vita sollte sich diese Neumünster-Situation, der Neubeginn nahe null nach einem Kollaps, noch mehr als ein Mal wiederholen. Die von ihm geschilderte Welt ist düster, grausam und beinahe ohne Nachsicht. Und wenn sich Tredup auf kriminellen Abwegen seinen kleinen Vorteil zu sichern sucht, mündet das in seinem gewaltsamen Ende, welches Fallada mitnichten im Sinne einer höheren Moralität ausmalt.

Kein Zweifel, ein moralisches Weltprinzip kann es vor diesem Hintergrund nicht geben, auch wenn Liebe und die Solidarität der Familie Gegengewichte bilden. Wir dürfen uns durch Falladas Roman ermuntert fühlen, das große Welttheater aus der Sicht der kleinen Leute zu betrachten. Möglichst ohne Sentimentalität, allerdings mit Einfühlung.

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Dr. Klaus Fahrner ist Leiter der Stadtbücherei Neumünster und managt in dieser Funktion die Geschäftsführung des Hans-Fallada-Literaturpreises der Stadt.

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