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Holsteinischer Courier

22. Oktober 2017 | 05:38 Uhr

Lesung : Massenmörder statt Strunk-Prinzip

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Erfolgsautor Heinz Strunk änderte bei seinem Auftritt im Musiktempel kurzerhand das Programm und stellte seinen neuen Roman vor

shz.de von
erstellt am 22.Mär.2016 | 08:45 Uhr

Neumünster | Warum nicht mal das Buch für die Lesung wechseln? – Am Sonntagabend las der Autor Heinz Strunk, der eigentlich Mathias Halfpape heißt, aus seinem gerade erschienenen Buch „Der goldene Handschuh“ im Musiktempel an der Kieler Straße etwa 120 Besuchern vor. Angekündigt war eigentlich eine Veranstaltung zu seinem Buch „Das Strunk-Prinzip“, aber der Künstler erklärte kurzerhand, das Publikum nicht mit einem Buch behelligen zu wollen, das sich seit zwei Jahren bestens verkaufe.

Wer nun also Satire und bizarren Humor des „Titanic“-Kolumnisten erwartete, musste sich umstellen. Haben seine Leser in dem Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004) viel über die von Akne, Triebdruck und Mucke bestimmte Jugend des Hamburger Autors erfahren, verzichtet Strunk im „Goldenen Handschuh“ auf biographischen Stoff. „Die Zitrone ist ausgequetscht“, erklärte er.

Statt dessen lieferte Heinz Strunk Ausschnitte aus einem Roman, der von dem Serienmörder Friedrich Paul Honka handelt. Honka hat in den 1970er-Jahren vier Frauen ermordet, zersägt und Leichenteile in seiner Wohnung versteckt. Die Frauen waren zwischen 40 und 60 Jahre alt und verwahrloste Stadtstreicherinnen, die sich für Alkohol und eine warme Unterkunft prostituierten. Kennengelernt hat der entstellte und vom Alkohol zerfressene Honka sie unter anderem im „Goldenen Handschuh“, einer Kneipe im Hamburger Berg auf Sankt Pauli, über deren Eingang heute das Schild Honka-Stube hängt.

Für seinen Tatsachenroman hat Strunk nach eigenen Angaben im Hamburger Staatsarchiv sowie im Reederei-Milieu nachgeforscht. „Im Goldenen Handschuh habe ich etwa 150 Stunden recherchiert“, sagte der Autor. Die Kneipe hat ein ehemaliger Boxer 1953 gegründet. Sie ist rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage im Jahr. Die Absturz-Kneipe wird „Fiete“ Honkas zuhause. Im Roman führen die Fäden verschiedener Handlungsstränge in diese Absteige, in denen schräge Gestalten des White Trash zwischen Leben und Tod am Tresen vor sich hin vegetieren. Strunks Beobachtungsgabe und Lust am Beschreiben von Millieus blüht auch in diesem düsteren Roman.

Der Autor scheute keine Beschreibung, immer wieder zerrte er die Zuhörer durch den ekelhaften Sumpf des Suffs. So sieht eine der „am lebendigen Leib verrottenden Huren“ aus wie „in Urin getaucht und in der Sonne getrocknet“. Die Beschreibungen von Menschen und der Wohnung des Mörders haben gleiches Vokabular: „Alles scheint wüst, tot und leer, von giftigen Winden durchweht.“

Literarisch wird sein Roman auch durch wechselnde Perspektiven. Es gibt unheimliche und beklemmende Reisen in die sadistischen Wahnfantasien des Triebtäters, aber auch in die Rolle der Opfer und des reichen Reederei-Sohns schlüpft der Erzähler.

Trotz aller Grausamkeit und Abscheulichkeit der Handlung: Wenn Heinz Strunk vorträgt, muss man lachen.

Sein schauspielerisches Talent, verschiedene Figuren zu sprechen, hat auch einen Besucher aus dem Kreis Plön überzeugt: „Was will man von einer Lesung mehr erwarten. Er ist authentisch und schreibt Sachen, die man sich nicht zu sagen trauen würde.“

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