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Holsteinischer Courier

21. November 2017 | 16:57 Uhr

„Man muss den Menschen zuhören“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Melanie Bernstein über ihr Wahlergebnis, politische Schwerpunkte und den Umgang mit der AfD

von
erstellt am 11.Okt.2017 | 11:20 Uhr

Melanie Bernstein (41) hat bei der Bundestagswahl am 24. September den Wahlkreis 6 direkt für die CDU gewonnen und tritt in Berlin die Nachfolge von Philipp Murmann an. Bevor sie an der Spree jedoch Politik machen kann, gab es einiges zu erledigen. Darüber sprach sie mit dem sh:z-Redaktionsmitglied Hannes Harding.

Frau Bernstein, Sie haben den Wahlkreis mit über sieben Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Hatten Sie mit einem so deutlichen Ausgang gerechnet?
Ich bin mit einem positiven Gefühl in den Wahltag gegangen. Das Ergebnis hat mich dann aber überrascht. Ich habe mich insbesondere über den großen Abstand in Neumünster gefreut.

Wie erklären Sie sich das gute Abschneiden in Neumünster?
Ich glaube, dass wir als CDU in Neumünster in den vergangenen Jahren Politik ganz dicht am Menschen gemacht haben, dass wir uns auch um die kleinen Dinge gekümmert haben, die die Menschen beschäftigen. Ich habe im Wahlkampf ganz viele kleine Termine gemacht, keine großen Veranstaltungen. Ich bin losgegangen, um Menschen kennenzulernen und zu hören, wo sie der Schuh drückt. Das hat sich ausgezahlt.

Sie waren schon wenige Tage, nachdem die Wahl gelaufen war, in Berlin. Wie war’s?
Aufregend, ein bisschen wie der erste Uni-Tag. Es begann mit der Sitzung der Landesgruppe und einer ersten Fraktionssitzung. Ich kenne zwar die Abläufe in Berlin sehr gut, aber es ist doch etwas anderes, wenn man selber mitmischen darf. Die ersten Tage waren aber vor allem dadurch geprägt, erst einmal arbeitsfähig zu werden, eine E-Mail-Adresse zu bekommen, den Laptop einzurichten. Das ist in Berlin nicht so einfach, denn dabei spielt Sicherheit eine große Rolle. W-Lan gibt es im Abgeordnetenhaus nicht, man kann also nicht einfach mit irgendeinem Gerät online gehen.

Haben Sie denn schon eine Unterkunft?
Ja, ich übernehme von einer Freundin die Wohnung. Ich habe mich ganz bewusst für eine Wohnung entschieden, weil ich die Kinder hin und wieder nach Berlin mitnehmen werde, und dafür ist ein Hotel nicht so schön. Grundsätzlich bleiben wir natürlich in Wahlstedt wohnen, die Kinder gehen weiter in Rickling zur Schule, und die Großeltern ziehen während der Sitzungswochen bei uns ein, wenn ich in Berlin bin.

Draußen am Wahlkreis-Büro hängt noch der Name ihres Vorgängers. Hat Philipp Murmann Ihnen Tipps mit auf den Weg gegeben?
Philipp Murmann hat meinen Wahlkampf intensiv begleitet. Und ich habe ja auch sein Wahlkreisbüro geleitet. Insofern bin ich mit reichlich Tipps ausgestattet nach Berlin aufgebrochen. In den nächsten Tagen und Wochen werden wir hoffentlich auch in der Kreisgeschäftsstelle ganz schnell wieder arbeitsfähig sein. Sie wird demnächst wieder besetzt sein. Ab Januar stelle ich einen Mitarbeiter ein, der in Vollzeit im Wahlkreis sein wird.

Und wie gehen Sie politisch ans Werk?
Ich kann meine Rolle erst einnehmen, wenn es mit der Sacharbeit losgeht. In den nächsten Tagen muss ich noch Organisatorisches klären, am Dienstag tagt die Landesgruppe, dann noch mal die Fraktion, und dann wird es darum gehen, wer sich in welche Themen einarbeitet. Ich habe mir natürlich einen Themenbereich ausgesucht. Ob ich das dann auch machen kann, steht natürlich noch nicht fest. Vorgenommen habe ich mir, im Bereich Familie, Soziales und Senioren zu arbeiten – alles außer ledige Männer um die 40. Das ist meine oberste Priorität neben dem Ausschuss für Kultur und Medien. Aber eigentlich ist ja noch nicht einmal klar, wie die Ausschüsse konkret zugeschnitten werden. Ich würde auch gern noch etwas im Bereich innere Sicherheit machen.

Sie kommen aus Schleswig-Holstein. Glauben Sie, dass Jamaika ein Modell ist, das auch in Berlin durchsetzbar ist?
Das ist keine Liebesheirat, wie die meisten Koalitionen eher Vernunft-Ehen sind. Man muss zwar versuchen, möglichst viel aus dem eigenen Programm einzubringen, darf aber nicht trotzig auf allem bestehen. Wir müssen die Verantwortung für das Land übernehmen, die uns der Wähler gegeben hat. Ich glaube, wir können daraus etwas machen.

Muss sich die CDU aus der Mitte herausbewegen, um die Wähler am rechten Rand wieder einzufangen, die zur AfD abgewandert sind?
Uns ist durch das Wahlergebnis schon sehr deutlich geworden, dass man sich intensiver als bisher mit den Themen beschäftigen muss, die viele Menschen bewegen. Wir müssen auf die zugehen, für die wir jetzt keine Antworten parat hatten und ihnen wieder eine politische Heimat bieten. Dafür braucht es keinen Rechtsruck in der CDU. Außerdem hat die AfD Zuwächse von allen Parteien. Man muss den Menschen zuhören und deutlich machen, dass wir die Gesetze, die wir haben, auch konsequent umsetzen werden.

Konnten Sie in Berlin schon erste Erfahrungen im Umgang mit der AfD sammeln?
Nein. Aber ich erwarte ruppige Diskussionen. Menschlich werde ich mit jedem Kollegen ordentlich umgehen, und ich hoffe sehr, dass wir eine vernünftige Kultur im Parlament pflegen können. Ich will meinen Beitrag für ein sachliches Miteinander jedenfalls leisten.

Jenseits der bundespolitischen Themen werden Sie sich mit den Sorgen und Nöten in einem sehr heterogenen Wahlkreis befassen müssen. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Ich kenne den Wahlkreis seit vielen Jahren sehr gut und bin überzeugt, dass die Zukunftsthemen trotz der Unterschiede von Stadt und Land die gleichen sind. Ich habe mal gesagt: Ich möchte meine Lebenswirklichkeit nach Berlin tragen. Ich kennen den Spagat, den eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hinbekommen muss, um Familie, Beruf und die älter werdende Generation unter einen Hut zu bekommen. Das sind Themen, mit denen ich mich beschäftigen möchte. Auch Pflege ist ein riesiges Thema, mit dem ich mich in Berlin beschäftigten möchte. Pflegeberufe müssen wieder viel mehr wertgeschätzt und attraktiver werden. Im Übrigen werde ich viel im Wahlkreis sein und Themen aufnehmen, um sie nach Berlin zu tragen.

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