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Weihnachten im Gefängnis : „Man hat viel Zeit zum Nachdenken“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Fest hinter Gittern ist eine kritische Zeit für die Häftlinge: Heimweh und Gedanken an die Familien bestimmen die Atmosphäre.

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 16:16 Uhr

Neumünster | Der junge Mann schaut ernst. „Weihnachten hat man viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin traurig, weil ich nicht bei meiner Tochter sein kann, und ich schäme mich, dass es so weit gekommen ist.“ Der 20-Jährige sitzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) eine zweijährige Haftstrafe ab, unter anderem wegen Körperverletzung. Weihnachten hinter Gittern: Das ist eine besondere Situation, mit der die Häftlinge, aber auch die JVA-Mitarbeiter zurechtkommen müssen, so Yvonne Radetzki (45), die seit 2014 die JVA leitet.

„Es ist eine kritische Zeit. Weihnachten verbindet man nun mal mit einem Familienfest. Bei vielen brechen Krisen hervor und vor allem das Heimweh, sie können ihre Kinder nicht sehen, merken, wie allein sie sind“, sagt die evangelische Pastorin Martina Bubert. Die 59-Jährige ist seit elf Jahren in der JVA tätig, hält den Heiligabend-Gottesdienst in der Zachäus-Kapelle auf dem Gelände. Am zweiten Feiertag gibt es einen katholischen Gottesdienst. Die Seelsorgerin hat eine Botschaft für ihre Schäfchen: „Weihnachten ist nicht Gänsebraten und Playmobil, sondern Gott kommt in unsere Dunkelheit.“ Mit in ihre Zellen dürfen die Häftlinge ein Teelicht mit einer Kirchenfenster-Hülle nehmen.

Auch für die Mitarbeiter ist es eine besondere Zeit: „Dienst an den Feiertagen gehört zum Job dazu“, sagt eine 51-jährige Justizvollzugsbeamtin, die seit über 20 Jahren hier arbeitet. „Man muss ein bisschen feinfühliger sein, weil viele Gefangene ein bisschen sensibler sind. Die Einen wollen die Feiertage ignorieren, die muss man in Ruhe lassen. Die Anderen wollen es sich so angenehm wie möglich machen.“ Ihre private Feier legt sie um den Dienst herum: „Wenn man Nachtdienst hat bis zum nächsten Morgen, zieht man entweder die Feier auf mittags vor oder holt sie nach.“

Und das Festtagsmahl? Es gibt zwar keinen Gänsebraten, aber traditionelle Küche: Würstchen und Kartoffelsalat am Heiligabend, Hähnchenschenkel und Rotkohl am ersten, Paprikagulasch am zweiten Feiertag. Silvester serviert das Küchenteam Bifteki.

Am gestrigen Mittwoch war außerdem Zeugnistag: Fünf von 35 Häftlingen, die ihren Hauptschulabschluss schafften, wurde das wichtige Papier überreicht. „Das ist etwas Besonderes, viele hatten bisher noch nie ein Erfolgserlebnis“, sagt Ulrike Bublies. Sie ist Schulleiterin des Pädagogischen Zentrums der JVA, aber auch Leiterin des Pädagogischen Dienstes der Anstalten im Lande. Angeboten werden in der JVA auch „Deutsch als Zweitsprache“, die mittlere Reife und die Ausbildung in elf Gewerken. „Der Schulabschluss ist die Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt, gibt Struktur in die Tage und hilft nach der Entlassung bei der sozialen Integration.“ Die Zeit um Weihnachten sei eine schwierige Zeit, deswegen ist das Pädagogische Zentrum offen.

Der 20-jährige Gefangene ist ebenfalls einer derjenigen, der seinen Hauptschulabschluss nachholt. Vorher hatte er keinen Schulabschluss: „Ich dachte, ich könnte so Jobs kriegen.“ Aber es gab eine Wende: „Die Strafe hat mir zu denken gegeben.“ Der Schulabschluss als Ziel bestärke ihn, durchzuhalten: „Das gibt mir Mut und Motivation, und es gibt der Zeit hier in der Anstalt einen Sinn.“ Seine Gedanken sind bei seiner zweijährigen Tochter. Sein Zieh-Vater komme immerhin am zweiten Feiertag zu Besuch. Doch insgesamt sei Weihnachten langweilig, sagt er: „Die Zeit vertreibe ich mir mit Fernsehen und Briefeschreiben.“ Und mit Nachdenken – so wie viele andere auch.

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