Theater : Lügen und schmerzliche Erkenntnisse

Diana  Körner
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Diana Körner

Das Schauspiel „Ohne Gesicht“ von Irene Ibsen Bille zog die 500 Zuschauer im Theater in der Stadthalle in seinen Bann

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20. März 2014, 07:00 Uhr

In dem Schauspiel „Ohne Gesicht“ von Irene Ibsen Bille begleitet das Publikum eine Frau und einen Mann in drei Szenen durch einen Tag und eine Nacht – nein, das Publikum begleitet die beiden durch 15 Jahre ihres gemeinsamen Lebens, durch Katastrophen, seelische Qualen und Niederlagen, durch Lebenslügen und -ängste, schmerzliche Erkenntnisse und ausweglose Situationen.

Die Schriftstellerin und Dramatikerin Irene Ibsen Bille (1901-1985) ist die Enkelin von Björnsterne Björnsen und Henrik Ibsen, beide große skandinavische Dichter. Ihr Großvater Henrik scheint ihr beim Schreiben von „Ohne Gesicht“ über die Schulter geguckt zu haben, denn wie Ibsens Peer Gynt scheitern auch ihre Personen an der Forderung „Sei du selbst“ und ringen in der Gegenwart mit den langen Schatten der Vergangenheit.

Louise und Vincent Demalènes treffen sich zur Feier seines 60. Geburtstages in einem eleganten Hotel – an einem neutralen Ort. Die Spannung zwischen beiden wird schnell greifbar. Zunächst eher wortkarg, dann immer eloquenter, in intelligenten Dialogen, in einem hochkonzentrierten Spiel kommen unerwartete Geheimnisse zu Tage. Die Vergangenheit wird in die Gegenwart geholt und bestimmt sie, Schutt wird von den Lebenslügen geräumt und stürzt beide Partner wechselseitig in existenzgefährdende Situationen.

Auslöser der seelischen Konfusionen ist ein 15 Jahre zurückliegender Autounfall, den Louise, ihr Mann Vincent und dessen Zwillingsbruder Thomas erlitten. Thomas starb an der Unfallstelle – so heißt es jedenfalls. Der erste Eindruck, dass Louise und Vincent auch nach dem Unfall ein glückliches Paar waren, bekommt schnell Risse – durch nicht erwartete Formulierungen und durch zunächst unerklärliche Verhaltensweisen. Lange bleibt der genaue Sachverhalt im Ungefähren, dennoch wächst der Verdacht und wird zur Gewissheit, dass Vincent bei dem Unfall starb und Thomas als Vincent weiter lebte.

Psychologisch ungeheuer dicht thematisiert und analysiert Irene Ibsen Bille wesentliche Fragen: Wer bin ich? Was macht meine Einmaligkeit aus? Was bedeutet Identität, was Identitätsverlust? Vincent/Thomas steckt tief in einer Identitätskrise, er hat nur den einen Wunsch: „Ich möchte nicht länger zwei Menschen sein. Ich will eins sein.“ Doch diese Eindeutigkeit verwehrt ihm Louise, für sie ist die Lüge erträglicher als die Wahrheit, die das Ende ihres bisherigen Lebens bedeuten würde. Thomas/Vincents letzter Liebesdienst für Louise – so lässt es sich interpretieren – ist sein Freitod. Louise beendet das Stück mit den Worten „Besser so“ und lässt das Publikum mit vielen bedenkenswerten Fragen zurück.

Schon die Figuren Louise und Vincent/Thomas zogen die knapp 500 Zuschauer im Theater in der Stadthalle in ihren Bann, die Darstellungen der Figuren taten es noch mehr. In der behutsamen, eindringlich-konsequenten Regie von Stefan Zimmermann (Leiter der a.gon Theater GmbH aus München), in dem sparsam möblierten Bühnenbild von Claudia Weinhart, das die Abgründe der Geschichte und der Personen sichtbar mitgestaltete, wurden Diana Körner und Max Volkert Martens zu Louise und Thomas/Vincent.

Beide Schauspieler vertieften sich in ihre Figuren, waren stark in Mimik und Gestik, großartig in den Dialogen, berührend in den Monologen. Sie ergänzten sich wunderbar, stellten die wechselnde Dominanz klar heraus und machten „Ohne Gesicht“ zu einem Theatererlebnis. Langer Beifall für ein wiederentdecktes, lohnendes Stück – für Diana Körner und Max Volkert Martens.


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