Lehrreiche Lesung über die NS-Zeit

Frank Nonnenmacher (70) zeigt sein Buch „Du hattest   es besser als ich“.
Frank Nonnenmacher (70) zeigt sein Buch „Du hattest es besser als ich“.

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31. Januar 2015, 13:20 Uhr

Der Runde Tisch für Toleranz und Demokratie lud am Dienstagabend anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren nach einer Kranzniederlegung und einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Vicelinkirche (der Courier berichtete) zur Autorenlesung in die Stadtbücherei. Der Frankfurter Didaktikprofessor Frank Nonnenmacher las vor 70 Besuchern aus seinem Buch „Du hattest es besser als ich“ und schilderte darin die Biografien seines Vaters und Onkels.

Mit den konkreten und detailreichen Lebensbeschreibungen der kriegstraumatisierten Brüder wird ein Teil der deutschen Geschichte beschrieben. Über 40 Jahre Quellenforschung hat Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für politische Bildung, betrieben, Interviews geführt, Gerichts- und Waisenhausakten kommen lassen und Schauplätze aufgesucht. „Diese Dinge müssen dokumentiert und bewahrt werden“, erklärte er.

Die Lebensbeschreibungen der Brüder erscheinen gegensätzlich: Der eine, Gustav, trug Hitlers Uniform. Der andere, Ernst, überlebte die Konzentrationslager Flossenbürg und Sachsenhausen. Gustav, der Vater des Autors, wird von der bitterarmen, alleinerziehenden Mutter 1915 notgedrungen ins Waisenhaus gegeben. Er wird Holzbildhauer und während des Kriegs hochdekorierter Flieger. Seine Gewissensnöte verfolgen ihn sein Leben lang. Der erstgeborene Ernst bleibt zwar bei seiner Mutter, leidet jedoch Hunger, vagabundiert und wird aus Armut ein Kleinkrimineller, der zwei Jahre im Zuchthaus absitzt. 1941 will sich Ernst als Soldat melden, wird aber aufgrund seiner Vergangenheit abgelehnt: „Für Systemgegner und Asoziale wie dich“ sei kein Platz in der Armee ließ ihn die Gestapo wissen, verpasste ihm den schwarzen Winkel und brachte ihn ins KZ. Lebensrettend dort war der Erhalt des grünen Winkels, womit Ernst zwar als Berufsverbrecher ausgezeichnet wurde, aber sozial höher stand als der Schwarzwinkelträger. Das Publikum erfuhr viel über die Bedeutung der verschieden farbigen Winkel, über Hierarchien im KZ, über die bis heute ausgebliebene Rehabilitierung der als Berufsverbrecher klassifizierten Grünwinkelträger.

Frank Nonnenmacher las etwa eine Stunde aus dem 352 Seiten umfassenden Werk und legte bewusst den Fokus auf seinen Onkel Ernst. Die familiäre Nähe zu seinen Protagonisten habe ihn nicht behindert, die habe er mit „wissenschaftlicher Distanz“ zu behandeln gewusst. „Du hattest es besser als ich“ ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine „auf klaren, sauberen Recherchen basierende Erzählung“, in der fiktive Elemente eingebaut sind.

Besucher Peter Lemke hat sich das Buch im Anschluss an die Lesung gekauft und signieren lassen. Er bemerkte : „Es ist auch ein Buch stellvertretend für die vielen, die im Verborgenen bleiben.“

Nonnenmacher bekannte in der sich anschließenden Diskussion: „Über die Jahre habe ich mich gewandelt. Von einer Haltung des Verurteilens zu einer des Verstehens, von einem selbstgerechten ’68er zu einem Verstehenden. Vater und Onkel sind mir immer näher gerückt.“

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