zur Navigation springen

Flüchtlinge : Land will Erstaufnahme entlasten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zahl der Flüchtlinge am Haart soll möglichst dauerhaft auf 2000 Menschen begrenzt werden.

Neumünster | Durchatmen in der zentralen Erstaufnahmestelle am Haart: Nach der teils dramatischen Überbelegung  des Sommers scheint in der Kasernenanlage  jetzt langsam wieder  geschäftige Ruhe einzukehren. Bereits seit einigen Wochen hat sich die Zahl der Menschen, die hier „erstbetreut“,  registriert und medizinisch versorgt werden, auf 1300 bis 1500 Menschen eingependelt. Ausgelegt ist die Einrichtung inzwischen auf 1900 Menschen. In Spitzenzeiten im September mussten hier bis zu 6600 Menschen  gleichzeitig untergebracht    werden – unter teils bedenklichen Bedingungen.

„Das war grenzwertig“, räumte gestern auch Innenminister Stefan Studt auf seiner Besuchstour am Haart ein. Inzwischen sei das Land durch den Aufbau neuer Erstaufnahmen  weitaus besser aufgestellt.  „Wir  hoffen, die Zahl der Flüchtlinge in der Erstaufnahme Neumünster dauerhaft auf  2000 Menschen begrenzen zu können“, kündigte Studt an. Ähnliches gelte für die Außenstelle Boostedt: Auch hier soll die Zielmarke von 2000 Unterbringungsplätzen „möglichst nicht ausgeschöpft“ werden, versprach der Minister,  allerdings unter Vorbehalt: Niemand  könne derzeit vorhersagen, wie sich die Flüchtlingssituation  im kommenden Jahr entwickle.

Derzeit erreicht im Schnitt täglich ein Bus mit 50 Personen die Aufnahmestelle am Haart. Auch über die Feiertage   sei eine 24-Stunden-Versorgung der Menschen sichergestellt, erläuterte der stellvertretende Leiter Dr. Johannes Hörnicke dem Minister.

Die  auch durch den Winter bedingte Atempause beim Zustrom neuer Flüchtlinge soll jetzt für Sanierungen  genutzt werden –  aber auch, um die Bearbeitung  der Flüchtlingsfälle noch besser zu strukturieren. Derzeit verhandelt das Land mit dem Bund über weitere Büroeinheiten in der Unterkunft, um den vom Bund zugesagten  zusätzlichen Mitarbeitern des  Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Platz bieten zu können. Nach derzeitigem Stand sollen rund zusätzliche 180 BAMF-Mitarbeiter in Schleswig-Holstein mithelfen, die  Bearbeitungszeiten  von Asylanträgen spürbar zu  verkürzen. Die Mitarbeiter des Bundesamtes werden  voraussichtlich in drei qualifizierten Erstaufnahmestellen (Glückstadt, Rendsburg und  Neumünster/Boostedt) ihren Dienst antreten.

Die Entspannung war am Haart  auch gestern  greifbar: „Wir haben wieder etwas Luft und finden auch wieder die Zeit,  zuzuhören, wenn uns jemand seine Geschichte  erzählen möchte“, sagte   Jenny Haselbeck von der Hausbetreuung. Das helfe, Vertrauen aufzubauen und Ängste oder Vorbehalte zu nehmen, erklärte sie dem Minister.

Wie  wichtig das ist, erfuhr Studt unter anderem  im Röntgen-Container, in dem die Flüchtlinge  auf infektiöse Krankheiten durchleuchtet werden. „Wir  brauchen oft viel   Einfühlungsvermögen, um die Menschen zur Untersuchung zu bewegen“, erklärte die Radiologie-Assistentin Jana Tomovic: „Sie mögen sich zum Beispiel nicht freimachen, weil sie Narben oder Brandmale tragen.“

STANDPUNKT

Ran jetzt an die Integration!

Seien wir ehrlich, es gab einen Moment, da drohte auch in Neumünster die Stimmung zu kippen: 6600 Menschen  waren zu den Spitzenzeiten des Flüchtlingszustroms im September in der zentralen Erstaufnahmestelle am Haart untergebracht – man könnte böse auch fast sagen eingepfercht. Und auch die Wohlgesonnensten  begannen sich besorgt zu fragen:  Wie lange kann das gut gehen?

Wer gestern die Chance hatte,  Innenminister Stefan Studt bei seinem Rundgang   durch die ehemalige Kasernenanlage zu begleiten, dem drängte sich ein anderer Eindruck auf. Von der Hektik, der in der Luft liegenden  Nervosität und hitzigen Gereiztheit des Sommers keine Spur mehr, eher geschäftige Betriebsamkeit: Neuankommende steigen  gelassen aus Bussen, werden von  Helfern freundlich eingewiesen. Auf einem Platz im Hintergrund spielen Kinder im leichten Nieselregen, während sich ihre Eltern   in der Erstanmeldung geduldig in die Schlange stellen. Ja, es ist immer  noch voll, aber  wieder menschlicher und würdiger   geworden in der Kasernenunterkunft.

Einer der wichtigsten Sätze, die der Minister hören konnte, fiel eher nebenbei: „Ja, wir haben wieder etwas Luft und finden Zeit zuzuhören“, sagte eine DRK-Betreuerin und strahlte. Wahrscheinlich, weil ihr  bewusst ist, dass genau hierin der Schlüssel  liegt.   Zuhören.  Vertrauen aufbauen.  Kennenlernen. Wenn dazu die Luft bleibt, dann klappt es auch mit der Integration. – Hoffen wir, dass dazu die Luft  bleibt.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 22.Dez.2015 | 18:46 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen